In der Asylpolitik hat die CSU die traumatische Erfahrung gemacht, wie man mit einem Schwenk zwei Seiten verliert. Die extrem schroffe Kritik an Merkel ab 2015 („Herrschaft des Unrechts“) verschreckte einen Teil der eigenen Basis. Die Kehrtwende war dann so übertrieben ausgeführt, mitsamt In-den-Staub-Werfung vor Merkel, dass der andere Teil der Basis irritiert zurückzuckte. Söder sollte sich an diese Fehler – seine und die des ihm eng wesensverwandten Parteifreunds Seehofer – erinnern. Er läuft gerade Gefahr, sie bei Corona zu wiederholen.
Sein neuer Kurs für Lockerungen ist richtig. Er kommt sogar für Bayern punktgenau, falls er mit dem erwarteten Brechen der Omikron-Welle zusammenfällt. Das ist klüger, als die entnervten Menschen ewig auf Ostern, Pfingsten oder den Nimmerleinstag zu vertrösten. Im Schwung der Drehung hat Söder jetzt aber auch noch die Impfpflicht in der Pflege schwer beschädigt. Er mag es nicht so absolut gemeint haben, aber herausgehört haben nicht nur jene, die ihn aus Prinzip missverstehen wollen: Bayern stürzt die Impfpflicht. Söders Versuch ist redlich, die Gräben in der Corona-Politik zu verkleinern. Aber Vorsicht: Landesvater der Vorsichtigen und Schutzpatron der Ungeimpften kann keiner gleichzeitig sein.
Christian.Deutschlaender@ovb.net