Die Bundesversammlung vom Sonntag war aus zwei Gründen absolut unverzichtbar. Erstens, damit sich alle Abgeordneten der Republik an einem Tag gegenseitig und mit Promis fotografieren und mit ihren eitlen Handyfotos das Internet fluten können. Zweitens als Test, wie viele Menschen gleichzeitig in die Reichstagsgebäude passen. Einen dritten Grund gibt es leider nicht, denn den Bundespräsidenten könnte man auch anders wählen.
Das war keine undemokratische Wahl, um zwei, drei Ecken ist jedes Mitglied dieses Riesenkonstrukts Bundesversammlung irgendwie demokratisch legitimiert. Und auch das Ergebnis, Amtszeit zwei für Frank-Walter Steinmeier, geht in Ordnung, er untermauerte das mit einer sehr starken Antrittsrede. Das Irritierende ist aber ein Missverhältnis: Ausgerechnet bei der Wahl ihres Staatsoberhauptes haben die Bürger die geringste direkte Mitsprache. Steinmeier ist eine Parteienlösung: von der SPD gewollt, von der FDP akzeptiert, von den Grünen zögernd mitgetragen und von der Union schließlich aus purer Machtlosigkeit durchgewunken.
Das schwächt nicht seine Kompetenz oder Reputation. Aber es würde das Amt stärken, wäre er kein „Dann halt nochmal er“-Kandidat. Deutschland will jetzt einen Bundespräsidenten, der uns ins Gewissen redet, Halt gibt in Zeiten von Spaltung, Pandemie und wohl Krieg in Europa. Er fände mehr Gehör, könnten die Menschen bei seiner Wahl mitentscheiden. Das ist nichts, was sich schnell in Hoppla-Hopp-Debatten lösen ließe, kann aber langfristig ein Denkanstoß für eine Verfassungsreform sein.
Christian.Deutschlaender@ovb.net