München/Berlin – Angela Merkel ist wieder da. Als die Frau, um die es nach 16 Jahren Kanzlerschaft schlagartig ruhig geworden ist, das Paul-Löbe-Haus betritt, ist es sofort wieder wie früher. Jeder, der im politischen Berlin etwas darstellt, sucht das Gespräch. Und es ist ja genug Zeit zum Plaudern. Offiziell beginnt die Wahl des Bundespräsidenten um zwölf Uhr, aber bis das Ergebnis offiziell ist, müssen 1472 Wahlleute ihre Stimme abgeben. Das dauert.
Um 14.27 Uhr verkündet Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, was jeder erwartet hat. Frank-Walter Steinmeier wird im Amt des Bundespräsidenten bestätigt, 1045 Stimmen erhält er. Er freut sich sichtbar über das eindeutige Ergebnis, braucht aber in seiner Rede nur wenige Sätze, um zu der Einschränkung zu gelangen, die Freude sei in diesen Zeiten sehr getrübt.
Denn vieles schwelt und brodelt gerade, nicht nur im eigenen Land. Steinmeier spricht von der „Sorge um den Frieden in Europa“ und sagt unmissverständlich, wer ihn in seinen Augen gefährdet: „Dafür trägt Russland die Verantwortung.“ Einen Truppenaufmarsch wie den des Riesenreichs an der Grenze zur Ukraine könne man „nicht missverstehen“. An Wladimir Putin gerichtet sagt er: „Lösen Sie die Schlinge um den Hals der Ukraine.“ Für einen früheren Außenminister ist er in diesem Moment bemerkenswert undiplomatisch.
Es ist eine starke Rede, die in ihrer Klarheit keine Wünsche offen lässt. Steinmeier nutzt die Gelegenheit, um ein flammendes Plädoyer für die Demokratie zu halten. Wer für sie streite, „der hat mich auf seiner Seite. Wer sie angreift, wird mich als Gegner haben.“ Ihm sei bewusst, dass man überall dort, wo alle Macht in den Händen einer Person vereint sei, „Versammlungen wie diese verachtet“. Seine Antwort: „Mögen die Autoritären doch ihre Eispaläste und Golfresorts bauen. Nichts davon ist stärker, nichts leuchtet heller als die Idee der Freiheit und Demokratie in den Köpfen und Herzen der Menschen.“
Steinmeier ist bewusst, dass auch im eigenen Land diese Idee immer wieder hinterfragt, zuweilen untergraben wird. Nach zwei Jahren im Ausnahmezustand gebe es Frust und Gereiztheit, weiß er. Die Pandemie habe tiefe Wunden in der Gesellschaft geschlagen. Doch wo Hass und Gewalt sich Bahn brechen, verlaufe eine rote Linie. Der Auseinandersetzung mit radikalen Kräften will er nicht aus dem Weg gehen: „Ich bin hier. Ich bleibe. Ich werde keine Kontroverse scheuen.“
Das alles sind Worte, die zu der Erwartung passen, die Lars Klingbeil kurz zuvor formuliert hatte. Der SPD-Parteichef geht davon aus, dass Steinmeier (66), dem manchmal mangelnde Präsenz vorgehalten wurde, sich in seiner zweiten Amtszeit häufiger „in gesellschaftspolitische Debatten einmischen“ werde. „Er wird dem Land stärker Orientierung geben.“
Viel Wohlwollen und Vertrauen begleiten den Bundespräsidenten in seine zweite Amtszeit. FDP-Chef Christian Lindner nennt ihn nicht nur „eine berechenbare Größe“, sondern auch „eine Stimme für das Beste, was unsere Demokratie ausmacht“. CSU-Chef Markus Söder betont, Steinmeier habe sein Amt immer frei gehalten von Parteipolitik. „Er hat Deutschland damals vor der Regierungsunfähigkeit bewahrt, als Jamaika scheiterte.“ Mit sanftem Druck auf seine SPD.
Die drei Mitbewerber spielen an diesem Tag nur als Statisten eine Rolle. Einer von ihnen hat seinen prägnantesten Auftritt sogar, als er gar nicht zu sehen ist. Bei der Vorstellung der vier Anwärter ist der Stuhl von Max Otte leer. Wo sich der Mann aufhält, dessen Bewerbung im Namen der AfD ihm ein Ausschlussverfahren bei der CDU eingebracht hat, ist zu diesem Zeitpunkt unklar. Einen guten Eindruck macht es jedenfalls nicht. Otte kommt am Ende auf 140 Stimmen, Linken-Kandidat Gerhard Trabert auf 96. Die von den Freien Wählern aufgestellte Stefanie Gebauer landet bei 58. Ihr Ziel „18 plus X“, eine Anspielung auf die Stimmenzahl ihrer Partei in der Bundesversammlung, übertrifft die Physikerin eindrucksvoll.
Auf Trabert geht Steinmeier dann persönlich ein. Der habe einem wichtigen Thema – den Nöten der Ärmsten – Aufmerksamkeit verschafft. „Ich würde mich freuen, wenn wir darüber ins Gespräch gehen.“ Trabert stimmt zu, sichtlich gerührt.