Schäftlarn – Die kleine Gemeinde Schäftlarn am Tag eins nach dem S-Bahn-Unglück, das ein Todesopfer und mindestens fünf Schwerverletzte gefordert hat: Es ist ein Dorf in Schockstarre. In den Geschäften rund um den Bahnhof Ebenhausen ist nicht viel los. Es ist, so kommt es einem vor, mehr Polizei und DB-Personal unterwegs als Einheimische, und wer keine Warnweste anhat, ist Journalist.
Vor dem Gasthof zur Post, auf dem großen Parkplatz, auf dem gestern vor den beleuchteten Schaufenstern des Friseursalons Fahrgäste aus den Unfall-S-Bahnen von der Feuerwehr in warme Decken gehüllt worden waren, stehen jetzt, 18 Stunden nach dem Unfall, vier Übertragungswagen. Ein Stück weiter in der Metzgerei, die gleichzeitig auch eine Bäckerei ist, sind schon ein paar Kaffeetische besetzt. Daniela Ruber, Chefin der Metzgerei, ist schon dabei, das Mittagessen für die Rettungskräfte herzurichten, 50 Portionen wurden geordert. Bis ein Uhr morgens war sie am Vortag auf den Beinen. Sie hat zusammen mit Theresa Kastenmüller, der Juniorchefin der Backstube, die beteiligten Feuerwehrler versorgt. Es sei ihr egal gewesen, ob das je bezahlt würde oder nicht, sagt sie. „Ich wollte diesen tollen Menschen einfach nur helfen.“
Denen wiederum, die am Vorabend irgendwann irgendwo vor Ort waren, gehen die Bilder, die sie dabei sahen, nicht mehr aus dem Kopf. Elisabeth Jänchen, die oberhalb der Bahnlinie wohnt, erzählt, sie habe den ganzen Abend Stühle zur Verfügung gestellt, Decken rausgereicht. Zum Bahngelände am Ende der Sackgasse, auf dem Feuerwehr und Notarzt viele Verletzte erstversorgt haben, hat sie es nicht weit. „Mich friert’s noch immer“, sagt sie, die halbe Nacht habe sie Herzklopfen gehabt. Auch Lia Schneider-Stöckl, Autorin und Kulturveranstalterin, der die Rettungsfahrzeuge ins Wohnzimmer hinein blinkten, sagt: „Das alles nimmt einen schon mit, man macht sich Gedanken.“
Schäftlarns Bürgermeister Christian Fürst (CSU) sitzt am Tag nach dem Unglück im Rathaus und ist bei aller Betroffenheit auch einfach heilfroh. Bis 22.30 Uhr sei er vor Ort gewesen, sie zeigten ihm irgendwann die Unfallstelle. Fürst sah, dass beide Züge aus den Gleisen gesprungen waren. „Wie leicht hätte einer der Züge abrutschen können, man muss sagen, wir hatten auch einen großen Schutzengel.“ ANDREA KÄSTLE