Moskau – Der Punkt, der die zwei Herren im Kreml maximal trennt, hat einen Namen: Gerhard Schröder. Der Ex-Kanzler und Gas-Lobbyist ist ein Freund Wladimir Putins, weshalb es nicht wundert, dass Russlands Präsident ihn ausgiebig lobt – als „anständigen Menschen“ und „unabhängigen Experten“. Olaf Scholz steht ein paar Armlängen von Putin entfernt und wirkt da fast genervt. Er wolle, sagt er dann, „die privatwirtschaftlichen Aktivitäten eines früheren Politikers nicht weiter kommentieren“.
Es ist Scholz’ Antrittsbesuch in Moskau und zugleich Tag zwei seiner Krisenreise in die Region. Am Montag war er schon in Kiew, wo es – wie nun auch – natürlich um Größeres ging als einen unwägbaren Ex-Kanzler: um Frieden in Europa. Scholz, meinten manche, könnte der letzte westliche Top-Politiker sein, der Moskau vor einem neuen Krieg besucht. Nach seinem Gespräch mit Putin versucht der Kanzler, die Dinge zu erden. Die diplomatischen Möglichkeiten, sagt er, „sind bei Weitem nicht ausgeschöpft.“
Das soll Hoffnung machen und tatsächlich gibt es an diesem Tag Signale der Entspannung. Der Kreml kündigt an, Teile seiner Truppen nach Abschluss des Manövers mit Weißrussland wieder von der ukrainischen Grenze abzuziehen – wenn auch nicht ohne Häme. Eine Sprecherin des russischen Außenministeriums raunt in den sozialen Netzwerken vom „Tag, als die westliche Propaganda scheiterte“. Sie meint wohl die US-Warnungen vor einem russischen Angriff schon am heutigen Mittwoch.
Bevor Putin und Scholz in großem Abstand nebeneinander stehen, sitzen sie – in ähnlich großem Abstand – an einem absurd langen, weißen Tisch. Das ist als eine Art Abstrafung zu verstehen. Zuvor hatte der Kanzler sich nämlich geweigert, einen russischen PCR-Test zu machen und stattdessen lieber einen mitgebrachten Test genutzt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron war es ähnlich ergangen. Corona-Schutz, hieß es aus dem Kreml.
Aber Distanz besteht auch auf inhaltlicher Ebene. Zwar betont Putin, dass auch er keinen Krieg wolle, er der Diplomatie Vorzug gebe. Allerdings streut er auch Bemerkungen ein, die sich ganz anders anhören. In der Ostukraine, sagt er an einer Stelle, finde ein Völkermord statt. Scholz, der an anderer Stelle durchaus widerspricht, lässt das in diesem Moment so stehen und nennt es erst später vor Journalisten „falsch“. Nicht wenige fürchten, solche Gerüchte könnten letztlich als Vorwand für eine russische Invasion dienen.
Auch von anderer Stelle kommen düstere Ansagen. Fast zeitgleich zur Ankündigung des teilweisen Truppenabzugs beschließt das russische Parlament, Putin aufzufordern, die selbst ernannten „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk in der Ostukraine anzuerkennen. Das wäre ein klarer Bruch des Minsker Abkommens (siehe Kasten) und würde den dünnen neuen Gesprächsfaden wohl ganz zerreißen. Scholz nennt das Szenario denn auch eine „politische Katastrophe“. Putin sagt nur, dies sei wohl der Wunsch der Russen. Heißt auch: Er schließt es nicht aus.
So changiert dieser Tag zwischen Entspannung und Provokation, zwischen Bereitschaft zum Gespräch und geladener Pistole. Auch andere Themen kommen auf den Tisch: Der Umgang mit dem russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Das Verbot der Menschenrechtsorganisation Memorial. Der Streit um die Deutsche Welle, die in Moskau schließen musste. Und um Nord Stream 2, die Pipeline, die der Kanzler zwar beim Namen nennt, aber auch diesmal nicht explizit zur Disposition stellt.
„Das Wichtigste ist ja, dass wir die Beziehungen zwischen den Staaten durch gute Gespräche miteinander lösen“, sagt Scholz, der am Ende doch ohne greifbares Ergebnis nach Hause fliegt. Der Krieg ist nicht vom Tisch. Aber noch sprechen sie – immerhin.