Schäftlarn – Günter Piermeier (63) hört den ohrenbetäubenden Knall in Gedanken immer wieder, in einer schlaflosen Nacht nach dem tragischen S-Bahn-Unfall. Der Münchner saß im vordersten Wagen der S7, die Richtung München fuhr. „Ein kräftiger Schlag hat meine Frau und mich aus den Sitzen gehoben. Alle haben geschrien!“, berichtet der EDV-Kaufmann.
Er und seine Frau kamen vom Wandern, hatten gerade Platz genommen. Piermeier verletzt sich am Rücken, seine Frau an den Füßen. Die Sekunden danach erscheinen ihm surreal. „Ich dachte nur: Irgendetwas haben wir gerammt. Vielleicht einen Lkw.“ Fahrgäste seien durch den Waggon gelaufen, hätten gefragt, ob jemand verletzt sei. „Ich wollte einfach nur raus. Ich hatte Angst, dass der Zug von der Böschung stürzt.“ Fahrgäste nutzen die Notgriffe, Piermeier klettert ins Freie. „Als ich die andere Bahn gesehen habe, ahnte ich das schlimme Ausmaß. Das Fahrgestell war rausgerissen, ein Waggon stand quer.“
In dieser Bahn saß der Ickinger Schüler Quirin Überla (17) mit seiner Freundin. Auch er hatte Glück und wurde nur leicht verletzt, obwohl er nur etwa 20 Meter hinter dem Lokführer saß. Er hilft einem älteren Ehepaar aus der Bahn, dann laufen er und seine Freundin durch die Büsche zurück zum Bahnhof. Sie wollen nur weg. Mit Bus und der S6 fahren sie zurück nach Sendling. Daheim lesen sie von dem Unglück, sehen Bilder in den Medien. Unglaublich: Da saßen sie drin.
Am Tag danach fährt Piermeier zum Röntgen, um seine Rückenverletzung abklären zu lassen – mit der S-Bahn. „Ich habe ja kein Auto.“ Das Gefühl sei schon beklemmend gewesen. „Die Bahn ist eben nicht so hoch technisiert, wie alle meinen.“ Schon lange beobachte er Mängel bei der S7. Letztes Jahr bemerkte er eine offene Schranke in der Nähe des Unglücksortes – und die S-Bahn fuhr gerade vorbei. Besonders die eingleisige Spur sei riskant. Ein solches Unglück müsse technisch verhindert werden. „Ich verstehe nicht, warum die Bahn nicht in diese Technik investiert, mit der die Züge gestoppt werden, falls einer entgegenkommt. Für Straßenausbau wird doch auch viel Geld ausgegeben!“ NINA BAUTZ, BETTINA SEEWALD