Just einen Tag vor dem Bund-Länder-Gipfel pfeift Markus Söder auf die sonst so gepriesene Einheitlichkeit und prescht mit Lockerungen vor. Darf er das? Er darf, und virologisch wird’s recht wurscht sein, ob die Fischbude auf Sylt und der Wirt in Garmisch gleichzeitig lockern oder um ein paar Tage versetzt. Zumal die Richtung stimmt: Mit dem Brechen der zum Glück harmloseren Omikron-Welle sollte die Politik scharf umsteuern. Der Staat muss auch 2022 einen grundlegenden Schutz und Kontrollen dort aufrecht erhalten, wo Menschen hin müssen: Bus und Bahn, Schulen, ebenso in Kliniken und in Heimen mit vulnerablen Bewohnern. Masken, Hygiene- und Test-Vorgaben müssen dort bleiben. Für den Rest greift wieder Eigenverantwortung: Jeder hat die Chance, sich zu impfen, keiner muss seine Freizeit im Rudel verbringen.
Größere Sorgen macht da der Blick auf den Herbst. Die Politik wäre bisher null gerüstet für eine gefährlichere Mutationswelle. Die neue Ampel-Impfkampagne, wohl ebenso teuer wie hässlich, scheint komplett zu verpuffen. Die Zahl der Erstimpfungen ist niedriger denn je. Die Impfpflicht steuert politisch auf die Wand zu. Mit dem Hin und Her um den Genesenenstatus hat die Behörde RKI massiv Vertrauen verspielt. Bevor es in der (berechtigten) Öffnungs-Freude untergeht: Bundesweit muss jetzt ein Notfall-Mechanismus eingebaut werden. Im Juli, August, September, falls dann gehandelt werden muss, wird nämlich keiner die Kraft dazu aufbringen.
Christian.Deutschlaender@ovb.net