Der Präsident schickt seine kriselnde Vize

von Redaktion

Joe Biden war Stammgast auf der Sicherheitskonferenz – Kamala Harris steht daheim in der Kritik

Washington – Kamala Harris hat schon bessere Zeiten erlebt. Als Hoffnungsträgerin war sie gestartet. Als mögliche künftige Präsidentin, die den 79-jährigen Amtsinhaber vielleicht sogar vorzeitig beerben könnte. Bei der Sicherheitskonferenz in München vertritt sie diesmal Joe Biden, der über Jahrzehnte Stammgast bei dem Treffen war.

Am Donnerstagabend landete Harris in München, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder empfing sie am windgepeitschten Flughafen. Ähnlich stürmisch geht es für die 57-Jährige auch politisch zu. Daheim steht sie massiv in der Kritik. Mitarbeiter werfen ihr Chaos und verbale Ausfälle vor, die Umfragewerte sind im Keller – ausgerechnet im Jahr der Zwischenwahlen für den Kongress. Was sind die Ursachen für diesen Absturz? Eine Analyse.

Wurde Harris überschätzt? Die Tochter eines Jamaikaners mit US-Staatsangehörigkeit und einer indischen Immigrantin war vor ihrer Präsidentschaftskandidatur vor allem auf regionaler Ebene in Kalifornien tätig, zuletzt als Justizministerin. Bei ihrem Aufstieg im Westküstenstaat profitierte sie auch von ihrer Beziehung mit Willie Brown, dem 31 Jahre älteren früheren Bürgermeister von San Francisco. Als Harris bei den Präsidentschafts-Vorwahlen als Kandidatin antrat, warf sie wegen schlechter Umfragewerte vor der ersten Abstimmungsrunde das Handtuch. Dennoch machte Biden sie zur Stellvertreterin. Harris bot sich als Frau und Schwarze mit karibischen und indischen Wurzeln besonders an, um Frauen und die afro-amerikanische Kernwählerschaft zu motivieren. Die Frage der Qualifikation rückte in den Hintergrund.

Hat Harris politisch etwas bewegt? Die erste Frau im Vize-Amt in der US-Geschichte hat schwierigste Problemfelder zu verantworten. An erster Stelle wird die anhaltende Einwanderungs-Krise und der ungezügelte Zustrom von illegal ins Land kommenden Menschen aus Zentralamerika genannt. Da Biden und Harris mit Rücksicht auf den progressiv-linken Parteiflügel vor schärferen Maßnahmen gegen „Illegale“ zurückschrecken, konzentrierte sich die Vizepräsidentin nach eigenen Angaben darauf, in politischen Gesprächen mit Herkunftsländern wie Honduras oder Guatemala die Ursachen bekämpfen zu wollen. Doch Harris weiß natürlich auch, dass sich Kriminalität, Korruption und Armut in diesen Ländern nicht über Nacht abstellen lassen. Nur einmal besuchte sie 2021 die Südgrenze der USA in Texas, um sich ein Bild vor Ort zu machen. Sie sei in der Öffentlichkeit „unsichtbar“, ist einer der Vorwürfe gegen sie.

Hat Harris Probleme bei der Menschenführung? Während einige treue Helfer der Vizepräsidentin durchblicken ließen, die Kritik an Harris sei vor allem rassistischen Tendenzen im Land geschuldet, sprechen Fakten aus den Büros von Harris eine andere Sprache. Sie kämpft mit einem anhaltenden Exodus von wichtigen Mitarbeitern, darunter auch die Sprecherin und Beraterin Symone Sanders. Helfer von Harris vertrauten Journalisten an, sie würden von der Chefin schlecht behandelt und seien Wutanfällen ausgesetzt. Dabei habe die Politikerin die Gewohnheit, Memoranden vor Terminen nicht zu lesen, aber sich später über mangelnde Vorbereitung durch Mitarbeiter zu beschweren.

Ist Harris dabei, ihre Zukunft zu verspielen? Die Strategie der Demokraten war noch vor einem Jahr klar: Der 79-jährige Biden zieht sich 2024 nach einer Amtszeit zurück, Harris gewinnt dann – in vier Jahren durch den Präsidenten aufgewertet – als erste Frau das Weiße Haus. Doch nun zeigen Umfragen Harris bei einer Beliebtheit von nur noch 25 bis 30 Prozent. Biden spricht immer wieder davon, noch einmal antreten zu wollen. Er wolle Harris auch in zwei Jahren wieder auf seinem „Ticket“ für das höchste Amt mitnehmen, beteuert er. Allein, Außenstehenden fehlt der Glaube. Denn Biden sagte kürzlich auch: „Ich denke, sie macht einen guten Job.“ Die Begriffe „sehr gut“ und „ausgezeichnet“ vermied er. FRIEDEMANN DIEDERICHS

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