München – Auch gestern ist es in Deutschland nicht sehr kalt gewesen. Unangenehm stürmisch zwar, aber die Temperaturen sind gerade mild. Die Witterung ist in diesen Tagen nicht nur ein Vorbote des Frühlings, sondern auch politisch ein Hoffnungsschimmer.
Dass der Winter bisher weniger streng war als befürchtet, ist ein Grund für die immer noch gut gefüllten europäischen Gasspeicher. Sollte nicht noch eine außergewöhnliche Kältewelle den Kontinent heimsuchen, dürften die Vorräte für die restliche Heizperiode reichen. Das Szenario eines russischen Lieferstopps, im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt immer wieder ein Thema, verliert vor diesem Hintergrund ein wenig seinen Schrecken.
Das war nicht zwingend zu erwarten angesichts ausbleibender Lieferungen seit vergangenem Sommer. Dass der staatliche russische Konzern Gazprom seine Speicher in Westeuropa anders als in den Jahren zuvor nicht auffüllte und lediglich die vereinbarten Mindestmengen lieferte, wurde von zahlreichen Beobachtern als Drohkulisse gewertet. Nun ist es Mitte Februar, und nach Berechnungen des Brüsseler Thinktanks Bruegel ist Europa bald aus dem Gröbsten heraus. Selbst wenn das Wetter noch einmal umschlägt und Russland ab Ende des Monates alle Lieferungen einstellen würde, sollten die Speicher noch einigermaßen gefüllt sein.
Die überraschend komfortable Versorgungslage hat noch einen zweiten Grund. Angesichts der angespannten Beziehungen zu Moskau hat Europa den Import von amerikanischem Flüssiggas gegenüber 2021 verdoppelt. Mehr als 20 Milliarden Kubikmeter trafen in den ersten sechs Wochen per Schiff in westeuropäischen Häfen ein. Auch andere Exporteure wie Katar oder Ägypten hätten ihre Exporte aufgestockt, sagt EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Russland lieferte derweil laut Bruegel 40 Prozent weniger als vor einem Jahr.
Kurzfristig ist die größte Sorge gebannt. Auf Dauer allerdings stehen Europa und speziell die Deutschen noch vor ungelösten Fragen. Derzeit deckt die EU knapp ein Viertel ihres Energiebedarfs durch Gas, das wiederum zu 90 Prozent importiert wird. Unter den Mitgliedsländern liegt die Bundesrepublik mit rund 50 Prozent Lieferungen aus Russland weit vorne.
„Deutschland und insbesondere Bayern sind auf Gaslieferungen aus Russland angewiesen“, bestätigt Detlef Fischer, Geschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft. Die aktuelle Versorgungslage empfindet er gleichwohl als „entspannt“. Bayerns Gasspeicher inklusive der auf österreichischem Gebiet liegenden sind aktuell im Durchschnitt zu rund 22 Prozent gefüllt. Der Speicher in Bierwang, der zweitgrößte im Freistaat, sogar zu mehr als der Hälfte. Ende März beginnt die Phase, in der die Tanks wieder für die kommende Heizperiode aufgefüllt werden. Fischer ist auch überzeugt, dass es so geschehen wird: „Es gibt kein Anzeichen, dass Russland seinen langfristigen Verpflichtungen nicht nachkommen würde.“
Deutschland ist in seiner Abhängigkeit nicht allein. In ganz Europa geht man seit Monaten der Frage nach, welche Folgen ein Lieferstopp aus Russland hätte. Die griechische Regierung würde in diesem Fall Gaskraftwerke mit Heizöl betreiben und stillgelegte Braunkohlekraftwerke wieder aktivieren. Italien will die Flüssiggas-Importe aus Katar ausbauen. Auch Österreich sucht Partner im Nahen Osten.
Das Problem dabei: Die Anbieter haben langfristige Verträge mit anderen Ländern und können nur in begrenztem Maße europäische Wünsche bedienen. Zudem sind die Preise drei- bis viermal so hoch wie vor zwei Jahren (als sie pandemiebedingt aber auch tief im Keller waren). Zuletzt machten Tanker, die Flüssiggas nach Asien liefern sollten, im Indischen Ozean kehrt. Exporteure können in Europa gerade besonders gute Geschäfte machen.