München – Die Solidarität ist groß. Auf der ganzen Welt gehen die Menschen auf die Straßen, um gegen den russischen Angriff auf die Ukraine, gegen einen Krieg in Europa und für den Frieden zu protestieren. Auch in Russland. In Moskau riefen etwa 1000 Menschen auf dem zentralen Puschkin-Platz „Nein zum Krieg!“; insgesamt registrierte das Bürgerrechtsportal Owd-Info Anti-Kriegs-Demonstrationen in 44 russischen Städten. Trotz des verhängten Demonstrationsverbots und der Androhung harter Strafen. Der Kreml duldet die Zuwiderhandlungen nicht: Nach Angaben von Bürgerrechtlern sind bei den Protesten bereits mehr als 1700 Menschen festgenommen worden.
Die russischen Bürger bekommen vor allem wirtschaftlich das Ausmaß der Eskalation zu spüren, die ihre Regierung verursacht hat. So sind die Kurse an der Moskauer Börse am Donnerstag fast um die Hälfte eingebrochen, die Landeswährung Rubel stürzte auf ein Rekordtief. Auf angsterfüllte Menschen oder lange Schlangen vor Supermärkten trifft man in Russland allerdings nicht. „Das öffentliche Leben hat sich in Moskau bislang nicht verändert“, sagt Jan Dresel, Leiter der Hanns-Seidel-Stiftung in Moskau. „Vereinzelt gibt es Protestaktionen auf den Straßen. Ansonsten geht der Alltag hier ganz normal weiter.“
Unsicherheit herrscht dennoch. Auch in Russland fragen sich die Menschen: Wie geht es weiter, jetzt, wo die gesamte Ukraine unter Beschuss steht? Die wenigsten haben wohl mit einem Angriff auf das ganze Land gerechnet. „Das hat viele überrascht“, sagt Dresel.
Doch sei die Stimmung im Land schon vor dem Angriff angespannt gewesen. „Die Situation war für viele unbefriedigend“, meint Dresel. Immerhin herrsche schon seit Jahren Krieg im Osten der Ukraine. „Die Menschen haben sich für dort eine Lösung gewünscht.“
Nun spaltet Putins Vorgehen die Meinung seiner Bürger. „Ein Großteil der russischen Bevölkerung folgt den Erzählungen, die die Staatsmedien propagieren“, sagt Dresel. Vor allem die älteren Menschen, die noch zu Zeiten der Sowjetunion sozialisiert wurden, würden den Geschichten von einer notwendigen Entnazifizierung und Entwaffnung der Ukraine Glauben schenken – und Putins Handeln befürworten.
„Der jüngere Teil der Bevölkerung hat da eine andere Einstellung“, sagt Dresel. Anstatt sich hinter das Bild der „nationalen Stärke“ zu stellen, würden sich junge Russen vor allem mehr Wohlstand und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes wünschen. Durch den Einmarsch in die Ukraine befürchten nun viele das Gegenteil: eine weitere Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation. Diese bekämen die Bürger Dresel zufolge schon seit dem Krieg im Donbass zu spüren: „In den vergangenen acht Jahren hat sich der Lebensstandards in Russland nicht mehr wirklich gebessert.“
Wie sich die Stimmung weiter entwickelt, bleibe abzuwarten. „Viele Russen müssen sich erst einmal orientieren“, sagt Dresel. So könne es sein, dass viele den Krieg unterstützen und sich in ihrem Nationalbewusstsein gestärkt fühlen. „Oder es wird die Meinung dominieren, dass ein Angriff der gesamten Ukraine auf Dauer schwierig ist – auch wirtschaftlich.“