„Die Ukrainer lassen sich die Demokratie nicht einfach nehmen“

von Redaktion

INTERVIEW Der bayerische Journalist und Fotograf Till Mayer berichtet seit Jahren über den Krieg im Osten der Ukraine

Seit fünf Jahren berichtet der Bamberger Journalist und Fotograf Till Mayer aus dem gerade schwer umkämpften Donbass. Mehrfach wurde er mit Preisen ausgezeichnet. Im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt ist gerade seine Donbass-Ausstellung zu sehen.

Sie kennen das Donezkbecken aus vielen Reisen. Haben Sie jemals Einheimische getroffen, die von Putin befreit werden wollten – wie es die russische Propaganda behauptet?

Ich war immer im von der Ukraine gehaltenen Teil unterwegs. In die „Volksrepubliken“ wäre ich als Journalist schwerlich gekommen. Man darf nicht vergessen, das sind keine Demokratien. Die Menschen, mit denen ich sprach, waren meist Pro-Ukrainisch. Das galt aber nicht immer für ihren Freundes- und Verwandtenkreis. Seit 2014 zerreißt der Krieg Familien und Menschen, die sich einst schätzten. Da sind einmal die Schützengräben, die sich durch den Donbass schneisen. Aber die Gräben sind auch längst in Köpfen und Herzen. Auch die Kontakte zur Verwandtschaft in Russland enden, weil nur noch Streit und Wut übrig bleibt.

Welche Auswirkungen hat der russische Überfall auf die Menschen vor Ort?

Ich bin gerade in Kabul, weit weg. Aber seit Donnerstag schreiben mich meine Freunde und Bekannten an. Angst, Verstörung aber auch Mut kann ich da aus ihren Nachrichten lesen. Wenn nicht gerade Corona das Reisen behindert, war Kiew immer ein Reise-Tipp von mir für deutsche Freunde. Es ist eine spannende, friedliche Stadt. Jetzt gehen dort die Sirenen. In Vororten wird gekämpft.

Was hören Sie sonst aus dem Kriegsgebiet?

Die Hauptfrage vieler meiner Freunde in der Ostukraine bis Kiew in diesem Moment ist: Bleibe ich, fliehe ich? Schicke ich meine Kinder Richtung Westen zu Verwandten? Ist es nur im Ausland sicher für die Familie?

Können Sie die Menschen im Donezbecken beschreiben?

Es sind Menschen wie Sie und ich. Ingenieure in der Kokerei, Arbeiter, Ärzte, Krankenschwestern, Bauern. Menschen, die ihre Familie lieben und jetzt um sie Angst haben.

Viele werden jetzt ihre Heimat verlassen müssen.

Putin hatte nie Probleme damit, Fluchtwellen zu erzeugen. Dafür sorgte er schon in Syrien mit seinem Handlanger Assad. Und als er den Krieg in die Ostukraine trug. Dreieinhalb Millionen Menschen waren in der Ukraine schon vor der aktuellen Invasion Binnenflüchtlinge.

Ist das, was wir gerade erleben, das Ende der Ukraine?

Wenn das das Ende der Ukraine ist, dann müssen wir uns klar sein, dann droht das Ende unserer Union der Europäerinnen und Europäer. Kommt Putin wieder so leicht ans Ziel wie bei der Annexion der Krim, dann wird sein Hunger nicht gestillt sein. Es geht hier nicht darum, dass er Angst vor einer militärischen Bedrohung durch die Nato hat. Die Großmacht Russland braucht sich militärisch vor niemanden zu fürchten. Was wir hier haben, ist ein lupenreiner russischer Imperialismus.

Gibt es trotz aller Schreckensmeldungen irgendein hoffnungsvolles Zeichen?

Das sind wir. Wir als Europäer. Schluss mit dem Wegsehen. Wir müssen jetzt zusammenstehen und uns solidarisch mit der Ukraine zeigen. Maßnahmen ergreifen, auch wenn sie uns selber wirtschaftlich weh tun. Und dann ist da noch die Widerstandsfähigkeit der Ukrainer. Sie haben für ihre Demokratie gekämpft. Sie werden sie sich nicht einfach so nehmen lassen.

Interview: Stefan Sessler

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