Ultimatum an Gergiev

Spätes Erwachen der Münchner

von Redaktion

MARKUS THIEL

Offenbar braucht es erst einen Angriffskrieg, um zu erkennen, wen man sich da in die Stadt geholt hat. Valery Gergievs Sympathie für die großrussische Hybris eines Putin war lange bekannt. Und dennoch duldete man den Dirigenten weiter an der Spitze der Münchner Philharmoniker. Seine Verdienste um das Gasteig-Interim sind unstrittig. Aber Kultur und Politik lassen sich eben doch nicht so leicht trennen, wie die vormals einäugigen Verantwortlichen in München nun erkennen müssen.

Das Ultimatum an Gergiev, er möge sich von der russischen Invasion distanzieren, ist richtig – und zugleich auch ein Stück weit wohlfeil. Aus durchaus berechtigten Gründen wird da eine Art Ersatz-Putin attackiert, weil sich das Original keinen Deut um München scheren dürfte. Und wer Gergiev kritisiert, muss sich auch fragen lassen: Werden an Wirtschaftsbosse oder Sportler dieselben Maßstäbe angelegt? Oder hat irgendjemand den mittlerweile verstorbenen US-Dirigenten Lorin Maazel gefragt, wie er es mit den Folterkammern von Guantanamo hält?

Nach dem Ultimatum dürfte sich das Thema Gergiev in München erledigt haben. Mit Recht. Allerdings nicht allein aus politischen Gründen: Es handelt sich hier um einen der meistüberschätzten Dirigenten.

Markus.Thiel@ovb.net

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