WIE ICH ES SEHE

Wie weit wird er gehen?

von Redaktion

1945 war der letzte große Krieg in Europa zu Ende. Meine Generation, kurz vor dem Krieg oder im Krieg geboren, hat die Erinnerung daran bewahrt. Wie wir Kinder nachts aus den Betten gerissen wurden, um in den Luftschutzkeller getragen zu werden. Die Lichter am Nachthimmel, die Suchscheinwerfer, die Flammen über der Stadt, der aufgeregte Lärm. Und plötzlich diese wunderbare Ruhe nach dem friedlichen Einmarsch der uns befreienden Alliierten.

Und nie werde ich das Friedensläuten am 8. Mai vergessen: „Höre gut zu“ – mahnte die Mutter – „vergiss es nie und denke daran dein ganzes Leben. Du hast es gehört, dass endlich Frieden ist.“

Die alte Sowjetunion, so bedrückend sie war, hat, anders als Putin, niemals auch nur einen Zentimeter einer europäischen Grenze verletzt und angerührt. Und als die andere Seite ihre Atomraketen in Stellung brachte auf deutsche Städte, setzte der Hamburger Sozialdemokrat Helmut Schmidt die Nato-Nachrüstung durch. Das war unpopulär. Lieber rot als tot, war die Devise der mächtigen Friedensbewegung. Sie hat die deutsche Politik der letzten Jahre geprägt. Von Nachrüstung spricht niemand mehr, die Bundeswehr wurde sträflich vernachlässigt. In vier Minuten ohne Vorwarnung könnten Putins Raketen aus Königsberg Berlin erreichen. Kein Problem auch, von russischer Energie abhängig zu sein, bis zu den deutschen Gasspeichern, die an Gazprom mit Billigung der Merkel-Regierung verkauft wurden.

Das war bis Donnerstag, als wir Siebenschläfer unsanft aufgeweckt wurden von der bis dato unvorstellbaren Erkenntnis, dass Putin meint, was er sagt, und nicht zurückschreckt von einem Krieg gegen die Ukraine. Er hätte – nach eigener Aussage – auch nicht zurückgeschreckt vor dem Konflikt mit einer zahnlos gewordenen Nato, wäre die Ukraine ein Nato-Land geworden.

Insbesondere Deutschland hat das verhindert. Zum Glück, möchte man unter diesen Umständen beinahe sagen. Aber es geht nicht nur um die Ukraine, sondern um die ganze europäische Friedensordnung.

So steht Russlands Präsident heute scheinbar schon als großer Sieger da. Die ganze Welt zittert vor ihm, bis zum US-Präsidenten, dessen Rede immer düsterer wird. Über die Leichtgläubigkeit unserer westlichen Politiker dürften sich im Kreml die jüngsten Assistenten vor Lachen auf die Schenkel schlagen. Aber wie ihr großer Chef irren sie sich.

Demokratische Politiker scheinen nur schwach und naiv. Denn sie stehen für Frieden und Humanität einer unmenschlichen Welt gegenüber. Die Humanitas ist es, die den Westen schwach erscheinen lässt. Und die anderen, denen das menschliche Glück, Unterdrückung und das Leiden im Krieg gleichgültig ist, für sie gibt es nur Macht und Gelegenheit.

Ein großes Goethe-Wort lautet: „Wer aber im Frieden sich wünschet den Krieg zurück, der ist geschieden vom Hoffnungsglück.“ So haben in dieser Woche Putin und seine Genossen einen Strich gezogen zwischen sich und der humanen Welt. Damit, nicht als Sieger, werden sie in die Geschichte eingehen.

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VON DIRK IPPEN

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