München – Es war ja gar kein unwahrscheinliches Szenario, denn Flucht ist besser als Tod. Deswegen hörte es sich plausibel an, als russische Medien meldeten, der ukrainische Präsident sei geflohen. Der Krieg war erst ein paar Stunden alt und die Welt glaubte, dass Kiew bald fallen würde. Dann aber schickte Wolodymyr Selenskyj ein selbst gedrehtes Video ins Netz. Zu sehen: er und politische Weggefährten mitten in der nächtlichen Hauptstadt: „Der Präsident ist hier, wir alle sind hier“, sagte er. „Wir verteidigen unsere Unabhängigkeit.“
Diese paar Sätze zerlegten die Kreml-Propaganda vom feigen Flüchtling – und ein wenig auch das Bild, das man sich bis dahin von Selenskyj so machte. Vielen Ukrainern galt der Mann, der früher Komiker war, noch vor Kurzem als ungeeignet für das Präsidentenamt, zu unerfahren, zu leichtgewichtig, gerade angesichts der russischen Bedrohung. Doch jetzt, im Krieg, ist der 44-Jährige so beliebt wie nie. In der schwersten Krise seines Landes wächst Selenskyj über sich hinaus.
Seit Tagen schon sendet der Präsident täglich Videos an seine Landsleute. Kleine Moralstärker, die dokumentieren, dass der Kampf nicht verloren ist, im Gegenteil. Auch am Montag steht er hinter einem Pult, im dunkelgrünen Pulli, unter seinen Augen wölben sich dicke Ringe. „Legt eure Waffen nieder, verschwindet von hier“, sagt er und meint die Soldaten Wladimir Putins. „Glaubt nicht euren Kommandanten, glaubt nicht euren Propagandisten. Rettet einfach euer Leben.“ Es ist eine unverhohlene Replik auf Russlands Präsidenten. Der hatte zuvor das ukrainische Militär zum Aufstand aufgefordert. Ohne Erfolg.
Der Eindruck, der so entsteht: Selenskyj lässt sich vom mächtigen Mann im Kreml nicht einschüchtern. Es ist ein erstaunlicher Wandel, den er in diesen Tagen durchmacht. Noch im Januar irritierte er die Welt mit seltsamen Äußerungen zur Bedrohung durch Russland. Er sprach von einem „Hype“ und spielte die Gefahr herunter. Selfies zeigten ihn lachend bei der Eröffnung einer Brücke oder im Skiurlaub. Man konnte sich fragen, ob dieser Mann den Ernst der Lage begreift.
Das bestätigte jene, die in ihm ohnehin nur einen Dilettanten sahen, einen Komiker im Präsidentenkostüm. Tatsächlich war Selenskyj, bevor er 2019 mit über 70 Prozent ins Amt gewählt wurde, Schauspieler. Richtig bekannt wurde er durch seine Rolle in der Satireserie „Diener des Volkes“, in der er einen Geschichtslehrer spielte, der – von der Korruption im Land angewidert – als Quereinsteiger zum Präsidenten gewählt wird. Es ist im Grunde seine Geschichte. Die Serie gab ihm im Wahlkampf gehörig Auftrieb.
Danach lief es allerdings nicht so wie gedacht. Die Bemühungen um Frieden in der Ostukraine stagnierten ähnlich wie der Kampf gegen Korruption. Selenskyj selbst stand im Verdacht, allzu eng mit Oligarchen wie Ihor Kolomojskyj zu sein, der die Mehrheit an jener Fernsehgruppe besitzt, bei der Selenskyj unter Vertrag stand. Noch im Januar gab es in Kiew regelmäßig Demonstrationen gegen die Regierung – wegen innerer Reformen.
Inzwischen ist das aber alles Makulatur, Selenskyj ist zum Volkshelden avanciert. Als ihm die US-Regierung Hilfe bei der Flucht aus Kiew anbot, soll er geantwortet haben: „Der Kampf ist hier; ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Wegen dieser Haltung fällt ihm breiter Respekt zu. Täglich telefoniert er mit den Staats- und Regierungschefs der Welt, setzt Tweets dazu ab. Macron, Johnson, von der Leyen. Alle scharen sich um ihn.
Je mehr Selenskyj ins Zentrum rückt, desto weiter versinkt Wladimir Putin in der dunklen Peripherie, was ihn offenbar zunehmend aus der Fassung bringt. Kürzlich schimpfte er die Führung in Kiew mit bitterem Gesicht eine Bande von „Drogenabhängigen und Neonazis“. Man muss dazu wissen: Selenskyj ist Jude, seine Familie verlor drei Mitglieder im Holocaust.
Er antwortete besonnen, wie er überhaupt versucht, den ruhigen Gegenpart zum Wüterich im Kreml zu geben. Das ist gewollt – und es funktioniert. An ihm, Selenskyj, hängt derzeit die Durchhaltemoral eines ganzen Landes. Das hat aber auch eine Kehrseite: Putin trachtet ihm nach dem Leben. Und was, wenn er Erfolg haben sollte?