Man traut seinen Ohren kaum: Schon der Überfall auf die Ukraine durch Wladimir Putin erscheint im Europa des 21. Jahrhunderts wie die Wiederkehr eines Gespensts finsterster Zeiten. Noch mehr nach Rücksturz in dunkle Jahrhunderte klingt jedoch die Predigt des Oberhaupts der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I. Statt dem Kriegstreiber im Kreml ins Gewissen zu reden (sofern dieser eins hat), ergreift der Kirchenfürst in Moskau Partei zugunsten des Aggressors und stempelt die Gegner Russlands, sprich: die überfallenen Menschen in der Ukraine, als „Kräfte des Bösen“ ab. „Wir dürfen uns nicht von dunklen und feindlichen äußeren Kräften verhöhnen lassen“, meint der fromme Mann. Der Teufel steckt manchmal auch in einem Talar.
Die Kirche an der Seite der Mächtigen statt an der Seite der Bedrohten? Das kennt man aus den Geschichtsbüchern der Antike, des Mittelalters oder der frühen Neuzeit. Beiderseits der Frontlinie reklamierten damals Kirchenmänner gleich welcher Religion oder Konfession jeweils den „lieben Gott“ für sich und die eigene Armee.
Patriarch Kyrill I. verfolgt heute mit seiner unchristlichen Botschaft auch persönliche Ziele: den Sieg im innerkirchlichen Machtkampf zwischen der gespaltenen orthodoxen Kirche in Moskau und Kiew. Doch dieser weltliche Hintergrund macht seine Entgleisung nicht besser.
Alexander.Weber@ovb.net