Brüssel – Die Folgen des Kriegs in der Ukraine sind so weitreichend, dass jetzt sogar Hilfsorganisationen und Verbände vor den Auswirkungen für die Lebensmittelproduktion warnen. Während für die EU derzeit vor allem steigende Kosten erwartet werden, könnten die Auswirkungen für Länder südlich der Union weitaus dramatischer werden. Denn mehr als die Hälfte der Nahrungsmittel, die das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) in Krisenregionen verteilt, stammt eigenen Angaben zufolge aus der Ukraine.
„Putins Krieg überzieht nicht nur die Ukraine mit unermesslichem Leid. Die Auswirkungen werden weit über die Grenzen der Region zu spüren sein“, sagte der Direktor des WFP in Deutschland, Martin Frick. Das WFP ist in mehr als 80 Ländern aktiv. Schon jetzt seien knapp 280 Millionen Menschen von akutem Hunger betroffen. Die Welt könne sich keinen weiteren Konflikt leisten.
Für die Europäische Union ist die Ukraine ein wichtiger Partner im Agrarhandel. „Die Ukraine ist der viertgrößte externe Lebensmittellieferant der EU und beliefert die EU mit einem Viertel ihrer Getreide- und Pflanzenölimporte“, teilte der europäische Bauernverband Copa Cogeca mit. In wenigen Tagen beginne die Frühjahrsaussaat, überschattet von den Militäraktionen auf ukrainischem Gebiet. Dies werde sich stark auf die Ernte im Sommer auswirken. Ministeriumsangaben zufolge erzeugt Russland etwa zehn Prozent des Weizens weltweit, aus der Ukraine kommen vier Prozent.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium teilte mit, dass „eine weitere Verteuerung von Lebensmitteln sowie eine Steigerung der Inflationsrate nicht auszuschließen“ sei. Auch Copa Cogeca erwartet höhere Preise.
Für Deutschland und die EU rechnen Experten jedoch nicht mit Engpässen bei Lebensmitteln. „Aus der gegenwärtigen furchtbaren Situation der Kriegshandlungen in der Ukraine eine unmittelbare Versorgungskrise abzuleiten, würde viel zu weit übers Ziel hinausschießen“, so Martin Banse, Agrarexperte und Chef des Thünen-Instituts für Marktanalyse.
Das Landwirtschaftsministerium teilt die Auffassung, dass vor allem Länder in Nordafrika und Asien sowie die Türkei als Hauptimporteure betroffen sein könnten.