Die USA im Ukraine-Konflikt

Glücksfall Biden

von Redaktion

MARCUS MÄCKLER

Manches malt man sich lieber gar nicht erst aus. Ein Donald Trump im Weißen Haus, das wäre in diesen schweren Tagen zu viel für eine Welt, die schon mit einem irrlichternden Narzissten, dem im Kreml, genug zu kämpfen hat. Der Republikaner konnte schon im Streit mit Nordkoreas zündelndem Diktator kaum an sich halten. Wie er auf Putins Atom-Drohung reagiert hätte – lassen wir das.

Es ist, man muss das ohne falsche Unterwürfigkeit so sagen, ein Glücksfall, dass Joe Biden in Washington die Fäden zieht. Nicht nur, weil er nicht Trump ist. Sondern weil er die eigentlich ermüdeten, gespaltenen USA als Fixpunkt der freien Welt positioniert hat. Putin gegenüber ist er schonungslos klar, ohne unnötig provokativ zu sein, wie in seiner Rede diese Woche. In der beschwor Biden die Bereitschaft, „jeden Zoll“ des Nato-Gebiets zu verteidigen, und stärkte erneut jenem Bündnis den Rücken, das sein Vorgänger fast gesprengt hätte. Das ist genauso wenig zu überschätzen wie die leider fruchtlosen Versuche, den Krieg des Kreml diplomatisch zu verhindern. Nebenbei half er Olaf Scholz bei Nord Stream 2 auf die Sprünge.

Biden tut, was man von einem US-Präsidenten gar nicht mehr erwartete. Auch an diesem Punkt hat sich Putin verkalkuliert. Er hielt die USA für historisch schwach, sah seine Zeit gekommen. Nun hat ausgerechnet er dazu beigetragen, die Gräben zwischen Demokraten und Republikanern für einen Moment zuzudecken. Das Kunststück muss man erst mal hinkriegen.

Marcus.Maeckler@ovb.net

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