„Wladimir, du erzählst Lügen!“

von Redaktion

Kiew/Moskau/Paris – Nach Einschätzung von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron steht im russischen Krieg gegen die Ukraine das Schlimmste noch bevor. Das verlautete aus dem Élyséepalast nach einem anderthalbstündigen Telefonat Macrons mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, das auf Initiative des Russen zustande gekommen ist. Putin sei „sehr entschlossen, das gesamte Land zu kontrollieren“, hieß es gestern im Élysée. Das Gespräch sei „ernsthaft und schwierig“ gewesen, Putin habe sich auf „klinische Weise“ ausgedrückt. Der Kreml-Herrscher sei, so berichtet die „FAZ“ über das Telefonat, in einem paranoiden Narrativ der „Entnazifizierung“ der Ukraine gefangen. Er habe geleugnet, dass die russische Armee zivile Ziele angreife. „Du erzählst Lügen, du suchst dir Ausflüchte“, habe Macron erwidert. Das nüchterne Fazit des Franzosen: Putin werde sich holen, was er sich vorgenommen habe.

Am Nachmittag trafen sich Delegationen Russlands und der Ukraine ein zweites Mal zu Verhandlungen im Westen von Belarus. Am Abend erklärten Vertreter beider Seiten, man habe sich auf die Schaffung humanitärer Korridore in besonders umkämpften Gebieten der Ukraine verständigt. Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak erklärte zudem, „Anfang kommender Woche“ solle es eine dritte Verhandlungsrunde geben. Auf eine Waffenruhe habe man sich nicht geeinigt.

Unterdessen wandte sich Putin in einer Fernsehansprache an sein Volk. Zwar erklärte er, die „besondere Militäroperation“ in der Ukraine verlaufe „streng nach Plan“. Gleichzeitig räumte er aber erstmals Verluste der russischen Armee ein, lobte seine Soldaten als „Helden“ und versprach Angehörigen gefallener Soldaten Entschädigungen – wie verlautete, 62 000 Euro pro Person. Der ukrainische Präsident Selenskyj forderte Putin zu direkten Gesprächen auf: „Wenn du nicht (mit deinen Truppen aus der Ukraine) abhauen willst, setz dich zu mir an den Verhandlungstisch, ich habe Zeit“, sagte Selenskyj. „Aber nicht auf 30 Meter Abstand wie mit Macron oder (Bundeskanzler Olaf) Scholz – ich bin doch ein Nachbar“, sagte Selenskyj. „Ich beiße nicht. Setz Dich zu mir, sag mir, wovor Du Angst hast“, sagte der 44-Jährige.

Derweil geht die russische Armee mit immer größerer Härte gegen Großstädte vor. Bei Angriffen auf die ostukrainische Millionenstadt Charkiw und Umgebungsind nach Angaben örtlicher Behörden mindestens 34 Zivilisten getötet worden. 285 Menschen wurden verletzt, darunter 10 Kinder. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden. Auch in Kiew gab es wieder schwere Explosionen. Luftalarm wurde ausgelöst. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko meldete: „Der Feind versucht, in die Hauptstadt durchzubrechen.“

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs setzten sich russische Truppen nördlich und nordwestlich von Kiew in 20 bis 30 Kilometern Entfernung von der Stadtgrenze fest und errichteten Feldlager. Die südukrainische Hafenstadt Mariupol mit rund 440 000 Einwohnern ist nach Luftangriffen ohne Wasser, Heizung und Strom. Nach russischen Angaben ist Mariupol eingeschlossen.

Die genaue Lage in der südlichen Gebietshauptstadt Cherson ist unklar. Die ukrainische Armee hat die Stadt offenbar aufgegeben. „Wir haben in der Stadt keine Streitkräfte der Ukraine, nur friedliche Bewohner, die hier leben wollen!“, schrieb Bürgermeister Kolychajew. Nach ukrainischen Angaben wurden seit Beginn des Kriegs etwa 9000 russische Soldaten getötet. 200 Panzer sowie Dutzende Flugzeuge und Hubschrauber seien zerstört worden.

Die USA verhängen neue Sanktionen gegen eine Reihe russischer Oligarchen. Das Weiße Haus gab am Abend Finanzsanktionen gegen sieben Oligarchen sowie gegen Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bekannt.

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