Das historische Buch, das ich heute vorstellen möchte, ist brandaktuell (Digitalverlag Open Publishing, zu beziehen als eBook, ISBN: 9783959122467). Es sind die Erinnerungen des großherzoglich-hessischen Offiziers Hans Wilhelm Fell an sein Leben als Soldat von 1884 bis 1914. Es ist die Zeit, in der Bismarck das Wort Realpolitik geprägt hatte. Heute ist es als deutsches Lehnwort in die Sprachen der Welt eingegangen. Ebenso wie heute aber wurde es auch damals von der Politik nach Bismarck gerade in Berlin nicht gelebt. Fell schildert anschaulich, wie das die europäischen Mächte 1914 als Schlafwandler in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges geführt hat.
Diese Erinnerungen des späteren Major Fell zu lesen, ist deswegen so aufschlussreich, weil er als junger Nachwuchs-Offizier wiederholt zu besonderen Verwendungen in ganz Europa und sogar bis nach Argentinien „abkommandiert“ wird.
Dadurch bekommt er eine Weltläufigkeit, die weit über den Horizont eines normalen Offiziers hinausgeht. 1906 verbringt er drei Monate zu Sprachstudien in Paris. Militärische Einladungen führen ihn nach Madrid, Toledo und durch seine französischen Vettern nach Nordafrika. Dort lebt er längere Zeit als Gast in den Kasernen der Fremdenlegion.
Als im August 1910 die Zarenfamilie wochenlang in Friedberg lebt, wird er Leutnant in der Wachkompanie und dadurch enger Gefährte russischer Offiziere. Die Zarenfamilie lädt ihn zu Tisch. Zwischen dem Mädchenschwarm Fell und der Zarentochter Alice spinnt sich ein zarter Flirt an.
Im Oktober 1911 verbringt er einige Wochen in dem englischen Militärlager Aldershot.
Sein Bericht über all diese Stationen zeigt, wie nah verbunden das alte Europa vor dem Krieg in Wahrheit gewesen ist. Nur in leisen Tönen voller Sorge kündigt sich in den Offizierskasinos, in denen Fell verkehrt, der eigentlich unter Kameraden undenkbare Krieg an.
Am 2. August 1914 erlebt er den Abschied und Ausmarsch des aktiven Regiments Prinz Carl aus Worms. Danach hatte er den Abmarsch der ersten Reservetruppe zu organisieren, mit der er selber am 12. August in die Schlacht an der Marne ausrückt. Am 9. September wird Fell schwer verwundet und muss ausgegraben werden. Nach Dunkelwerden beginnt der Rückzug. Damit enden die Erinnerungen von Fell.
Sie sind eine lebendig erlebte Geschichte der alten kaiserlichen Armee. Dem übersteigerten Preußentum, jeder Kriegstreiberei steht der Anhänger des Hauses Hessen-Darmstadt ausgesprochen kritisch gegenüber.
1914 gingen in Europa die Lichter aus. Politische Torheit in Berlin, französische Revanchepolitik und allseits ein übersteigerter Nationalismus waren die wichtigsten Ursachen dieser Katastrophe. Geschichte wiederholt sich nicht, aber russisches Revanche-Denken und die Berliner Politik voller Illusionen der letzten 20 Jahre haben Europa wieder an den Abgrund geführt. So sind Videobotschaften des ukrainischen Staatspräsidenten in höchster Bedrängnis peinlich nicht nur für den Aggressor – auch für uns. Hilflos müssen wir dem Sterben zuschauen, mitten in Europa.
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