Kiew/München – Nach der Einnahme des Atomkraftwerks nahe der Großstadt Saporischschja durch russische Truppen war in der Nacht zu Freitag auf dem Gelände ein Feuer ausgebrochen. Es wurde am Morgen gelöscht. Beide Seiten versicherten, es sei keine Radioaktivität ausgetreten. Rafael Grossi, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), sagte, alle Sicherheitssysteme seien intakt. „Es wurde kein radioaktives Material freigesetzt.“ Derzeit sei nur einer der sechs Reaktorblöcke in Betrieb.
Die amerikanische UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield sagte bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats, die Welt sei „nur knapp einer nuklearen Katastrophe entgangen“. Ihr ukrainischer Kollege Serhij Kyslyzja warf Russland einen vorsätzlichen Angriff auf die Anlage vor und sprach von „nuklearen Terrorismus“.
Russland setzt derweil seinen Vormarsch auf Kiew fort. Die Millionenstadt löste mehrfach Luftalarm aus. Nach den schweren Luftangriffen auf die 300 000-Einwohner-Stadt Tschernihiw in der Nordukraine stieg die Zahl der Toten. Russland bombardiere verstärkt zivile Ziele, heißt es, der Kreml bestreitet das. In einem Videogespräch mit der „Bild“ schilderte Pavlo Kuzmenko, Bürgermeister der Kleinstadt Ochtyrka unweit von Charkiw, die dramatische Lage. Es habe viele Tote gegeben, auch Kinder. „Wir verlieren Menschenleben, sehr schnell und sehr viele“, sagte er. Russland habe Streubomben eingesetzt. Zu fliehen, komme für ihn nicht infrage. „Das ist unser Land. Wenn ich sterbe, bin ich bereit.“ Die Menschen, die die Ukraine verteidigen würden, seien bereit, „den ultimativen Preis“ zu zahlen. Niemals, sagte Kuzmenko, werde man dem Nachbarland verzeihen, was es der Ukraine angetan habe.
Der ukrainische Botschafter in Berlin bat die Bundesregierung um weitere Waffensysteme wie Panzer, U-Boote, Kampfflugzeuge und Patriot-Flugabwehrsysteme. „Jetzt ist auch ein Panzer für uns eine Defensivwaffe“, sagte Andrij Melnyk dem TV-Sender „Welt“. Die Botschaft begründete die Anfrage damit, dass Russland geächtete Waffen wie Kassettenbomben mit Streumunition einsetze. Der UN-Menschenrechtsrat bestellte eine Untersuchungskommission, die Menschenrechtsverletzungen Russlands in der Ukraine untersuchen soll, um Verantwortliche vor Gericht zur Rechenschaft ziehen zu können.
Moskau schaltet derweil ein unabhängiges Medium nach dem anderen ab (siehe auch Kasten). Begriffe wie „Angriff“, „Invasion“ und „Kriegserklärung“ sind verboten. Moskau bezeichnet den Krieg als militärische „Sonderoperation“. Als Reaktion auf ein neues Mediengesetz stoppt die britische BBC jede Berichterstattung aus Russland.
Aus Sorge vor unbeabsichtigten Vorfällen zwischen Einheiten der Nato und Russlands hat das Pentagon eine neue Hotline mit Russland eingerichtet. Ziel sei es, Fehleinschätzungen, militärische Zwischenfälle und Eskalationen zu vermeiden, so das US-Verteidigungsministerium.
Russlands Präsident Wladimir Putin hat Angaben des Kreml zufolge in einem Telefonat mit Bundeskanzler Olaf Scholz Dialogbereitschaft signalisiert, zugleich aber auf all seine Forderungen gepocht. Dabei geht es – in Kreml-Diktion – um „Demilitarisierung“ und „Denazifizierung“ sowie einen neutralen und nicht-nuklearen Status der Ukraine. Außerdem fordert Moskau die Anerkennung der 2014 annektierten ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim als russisches Territorium und eine Souveränität der Separatistengebiete Luhansk und Donezk.