Viel Leid und etwas Hoffnung

von Redaktion

VON ANDREAS STEIN

Kiew/Berlin – Noch ist es nicht mehr als ein zarter Hoffnungsschimmer, dass in den heftig umkämpften Gebieten in der Ukraine bald Ruhe einkehren könnte. Vor dem Treffen der Außenminister aus Kiew und Moskau sind gestern weitere Zivilisten aus den von russischen Truppen belagerten Städten in der Ukraine evakuiert worden. Die Rettung der verzweifelten Menschen kommt jedoch nur langsam voran, vielerorts wurde zudem von neuen Zwischenfällen berichtet.

Allein in der Hafenstadt Mariupol sitzen Hunderttausende unter katastrophalen Bedingungen fest, nach Angaben der russischen Separatisten im Gebiet Donezk funktioniert der vereinbarte „humanitäre Korridor“ immer noch nicht. Vor dem Treffen der Kriegsgegner in der Türkei lotete die Ukraine zugleich mögliche Kompromisslinien aus.

Heute wollen der russische Außenminister Sergej Lawrow und sein ukrainischer Kollege Dmytro Kuleba zu Gesprächen im türkischen Antalya zusammenkommen – es wäre das ranghöchste Gespräch seit Kriegsbeginn. Kuleba betonte aber gestern, dass seine Erwartungen gering seien. Als Bedingung für eine Einstellung der Gefechte fordert Russland, dass sich die Ukraine in ihrer Verfassung für neutral erklärt. Zudem müsse Kiew die Schwarzmeer-Halbinsel Krim als russisch sowie die Separatistengebiete als unabhängig anerkennen.

Die Ukraine lehnt das bisher in weiten Teilen ab, Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich aber gesprächsbereit gezeigt. „In jeder Verhandlung ist mein Ziel, den Krieg mit Russland zu beenden. Und ich bin auch bereit zu bestimmten Schritten“, sagte er der „Bild“. Man könne Kompromisse eingehen, „aber diese dürfen nicht der Verrat meines Landes sein“. Auch die Gegenseite müsse zu Zugeständnissen bereit sein.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) telefonierte gestern erneut mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Greifbare Ergebnisse wurden nicht bekannt. In Diplomatenkreisen wurde es jedoch als ein erstes Zeichen russischer Annäherung gewertet, dass das Außenministerium angab, Moskaus Truppen hätten nicht den Auftrag, „die aktuelle Regierung zu stürzen“. Dennoch scheinen die militärischen Fronten weiterhin verhärtet. Nach ukrainischen Angaben gab es wieder Angriffe auf mehrere Städte und dabei Tote und Verletzte.

Am Abend warf Kiew Russland einen Angriff auf eine Geburtsklinik in Mariupol vor. Selenskyj veröffentlichte bei Twitter ein Video, das verwüstete Räume der Klinik zeigen soll, und schrieb dazu: „Gräueltaten! (…) Stoppt das Töten.“ Demnach müssen ein oder mehrere Geschosse im Hof des Klinikkomplexes eingeschlagen sein. Bei dem Angriff seien 17 Schwangere und Mitarbeiter verletzt worden, sagte der Chef der Militärverwaltung des Gebiets Donezk. Die Stadtverwaltung von Mariupol gab an, während der Blockade seien bisher 1207 Zivilisten gestorben.

Die EU veröffentlichte in ihrem Amtsblatt die neuesten Sanktionen gegen Russland sowie Belarus und setzte die Maßnahmen damit in Kraft. Unter anderem wurden Formel-1-Rennfahrer Nikita Masepin und Aeroflot-Chef Michail Polubojarinow auf die Liste der Personen gesetzt, deren Vermögenswerte eingefroren wurden und die mit Einreisesperren belegt wurden. Ebenfalls betroffen sind der Schwiegersohn von Außenminister Lawrow, Alexander Winokurow, sowie der Chef des Internetkonzerns VK Company Limited,.

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