Kiew – Mit einem überraschenden Solidaritätsbesuch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew haben drei Regierungschefs osteuropäischer EU-Länder der Ukraine im Kampf gegen Russland Unterstützung versichert. Die Regierungschefs von Polen, Tschechien und Slowenien trafen sich gestern mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Regierungschef Denys Schmyhal.
Der Zug mit Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki, seinem Stellvertreter Jaroslaw Kaczynski sowie Tschechiens Regierungschef Petr Fiala und seinem slowenischen Kollegen Janez Jansa war am Abend in Kiew eingetroffen. Selenskyj veröffentlichte am späten Dienstagabend auf Telegram ein Video, das ihn, Morawiecki, Fiala und Jansa mit weiteren Gesprächsteilnehmern in einem fensterlosen Raum zeigt. „Ihr Besuch in Kiew in dieser für die Ukraine schwierigen Zeit ist ein starkes Zeichen der Unterstützung. Wir wissen das wirklich zu schätzen“, sagte Selenskyj.
Der Europapolitiker und stellvertretende CSU-Vorsitzende Manfred Weber bezeichnete den Besuch der drei Regierungschefs als „starkes Signal“. Das zeige, dass man zusammenstehe, sagte Weber im ZDF.
Unterdessen gingen die russischen Attacken auf ukrainische Städte auch am 20. Kriegstag weiter. Bei einem Angriff auf einen Fernsehturm starben nahe der nordwestukrainischen Großstadt Riwne nach ukrainischen Angaben 19 Menschen. In der Nähe der südukrainischen Großstadt Mykolajiw wurde eine Schule beschossen und sieben Menschen getötet. Das Ochmatdyt-Krankenhaus in Lwiw (Lemberg) nahe der polnischen Grenze ist nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef überlastet durch die Anzahl an verletzten Kindern, die aus der Umgebung eintreffen.
Ukrainische Truppen wehrten derweil nach eigenen Angaben einen russischen Vorstoß in der umkämpften Hafenstadt Mariupol ab. Dabei seien etwa 150 Angreifer getötet sowie zwei Panzer und mehrere gepanzerte Fahrzeuge zerstört worden. Mariupol am Asowschen Meer wird seit Tagen von Einheiten der russischen Armee und der prorussischen Separatisten belagert. Am Abend wurde in Kiew gemeldet, dass 20 000 weiteren Zivilisten die Flucht aus Mariupol gelungen ist. Insgesamt 4000 Privatautos hätten die Metropole am Asowschen Meer verlassen können, schrieb der Vizechef des Präsidentenbüros, Kyrylo Tymoschenko. Ob ein Konvoi mit Dutzenden Tonnen Hilfsgütern und leeren Bussen für eine Evakuierung das eingeschlossene Mariupol erreicht hat, war aber noch unklar.
Die russische Armee gab bekannt, dass sie das komplette Gebiet Cherson im Süden der Ukraine unter ihre Kontrolle gebracht habe. Dort leben rund eine Million Menschen.
Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko verhängte nach schweren Angriffen auf die Stadt eine Ausgangssperre bis Donnerstagmorgen. In dieser Zeit dürfen die Einwohner ihre Häuser nur verlassen, um sich in Schutzräumen und Bunkern in Sicherheit zu bringen. Am Dienstagmorgen wurden in der Hauptstadt nach offiziellen Angaben in mehreren Bezirken vier Wohngebäude von Raketen getroffen.