Nach TV-Protest: Kippt die Stimmung in Russland?

von Redaktion

Kreml nennt Aktion zur besten Sendezeit „Rowdytum“ – Video der Aktivistin verbreitet sich wie ein Lauffeuer

München – Bisher galt: Nur die jüngeren Russen informieren sich über Internet und soziale Medien und erfahren so, was wirklich in der Ukraine passiert. Ältere Russen vertrauen dem Staats-TV – und sind von Wladimir Putins Propaganda geprägt, wonach es in der Ukraine keinen Krieg, sondern nur eine „militärische Spezialoperation“ gegen eine Clique ukrainischer „Nazis“ und „Drogensüchtiger“ gebe.

Doch spätestens am Montagabend bekamen nun auch die Zuschauer des ersten Programms in der meistgesehenen russischen Nachrichtensendung „Wremja“ (die der deutschen „Tagesschau“ entspricht) einen Einblick, wie der Rest der Welt auf den Ukraine-Krieg blickt: Hinter der Nachrichtensprecherin Jekaterina Andrejewa tauchte eine Frau auf und hielt ein Schild mit der Aufschrift „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen“ in die Kamera. Sie rief außerdem „Stoppt den Krieg!“, bevor die Live-Übertragung abbrach.

Die Demonstrantin, die gestern vor Gericht gestellt wurde, heißt Marina Owsjannikowa und arbeitet beim Staats-TV. Sie wurde am Dienstagnachmittag in Moskau zu einer Geldstrafe von 30 000 Rubel (226 Euro) verurteilt und wurde dann vorerst wieder auf freien Fuß gesetzt. Zunächst war befürchtet worden, die Journalistin könnte nach einem umstrittenen neuen Gesetz zu bis zu 15 Jahren Haft verurteilt werden. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte angekündigt, die Journalistin unter den Schutz der französischen Botschaft zu stellen.

Vor ihrer Festnahme erklärte sich Owsjannikowa in einem Video, das sich wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet – auch in Russland. „Das, was jetzt in der Ukraine geschieht, ist ein Verbrechen. Und Russland ist der Aggressor. Und die Verantwortung für diese Aggression liegt nur auf dem Gewissen eines Menschen – und dieser Mensch ist Wladimir Putin“, sagte sie. Ihr Vater sei Ukrainer, ihre Mutter Russin, sagte die Journalistin, die erklärte, sich für ihre „Propaganda“-Arbeit beim Ersten Kanal zu schämen. Es liege nur an den Russen, den Wahnsinn zu beenden. „Geht demonstrieren. Fürchtet nichts. Sie können uns nicht alle einsperren.“

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow tat den Protest „dieses Mädchens“ als „Rowdytum“ ab. Der Sender müsse die Sache regeln, es sei nicht Aufgabe des Kreml. Tatsächlich dürfte dort mittlerweile aber Nervosität herrschen, da zumindest in der russischen Mittel- und Oberschicht Absetzbewegungen vom Kriegs-Kurs zu erkennen sind. Prominente Russen kehren dem Land den Rücken: Der Vize-Chef der Fluglinie Aeroflot, Andrey Panov, und der Ex-Chef der Aeroflot-Billigtochter Pobeda traten zurück und verließen Russland. Die Sängerin Alla Pugatschowa, die 1987 mit Udo Lindenberg tourte, und ihr Mann Maxim Galkin sollen Russland auch verlassen haben. Der Sänger, Comedian und TV-Moderator der russischen „Wer wird Millionär?“-Version schrieb schon am Morgen nach dem Angriff: „Nein zum Krieg!“

Ob sich die Stimmung auch bei der Masse der Russen dreht, lässt sich nicht sagen: Die letzte glaubwürdige Umfrage des Instituts Lewada stammt vom Februar, damals hatte Putin eine Zustimmung von 71 Prozent. K. RIMPEL

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