Der Krieg hält die Welt seit fünf Wochen in Atem. Die Aufmerksamkeit für das Leid in der Ukraine ist wichtig, sie ist für viele Menschen eine Stütze. Und zugleich lässt sie andere Katastrophen in Vergessenheit geraten. Die Taliban nutzen gerade die Gelegenheit, um die Unterdrückung der afghanischen Bevölkerung auszuweiten. Unbemerkt, im Windschatten des Ukraine-Kriegs.
Die Lage am Hindukusch wird jeden Tag dramatischer: Jedes zweite Kind ist unterernährt. Mädchen dürfen nicht zur Schule. Kinderarbeit nimmt zu. Frauenrechtlerinnen und Ortskräfte werden mit dem Tod bedroht. Fast die ganze Bevölkerung lebt in Armut. Eine internationale Geberkonferenz will nun Geld für Lebensmittel und Gesundheitsversorgung schicken. Das soll die akute Notlage etwas entschärfen, aber eine Lösung ist das nicht.
Die Politik steht vor der Frage, wie sie den Menschen helfen kann, ohne die Taliban zu finanzieren. Dass die Suche nach einer Antwort jetzt angesichts des Krieges in Europa aus dem Fokus gerät, ist nachvollziehbar. Man darf aber nicht vergessen: Zwischen der Taliban-Machtübernahme und dem Angriff Russlands lagen sechs Monate. In dieser Zeit haben die alte und die neue Bundesregierung einiges versprochen: Etwa alle Ortskräfte und Frauenrechtlerinnen in Sicherheit zu bringen. Hier hat Deutschland versagt. Stattdessen hat man die Krise einfach ausgesessen – bis die nächste kam.
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