SEBASTIAN HORSCH
Karl Lauterbach ist Umfragen zufolge einer der beliebtesten Politiker des Landes. Dabei ist die Bilanz des Bundesgesundheitsministers bisher ziemlich durchwachsen. Doch der SPD-Mann weiß das geschickt zu verbergen.
Zuletzt hat Lauterbach seine größten Fans ziemlich ernüchtert. Alle, die in ihm den Verteidiger einer strengen Pandemiepolitik gesehen haben, rieben sich verwundert die Augen, als ihr Held das faktische Ende der Maskenpflicht in ein Gesetz gießen ließ. Nicht die einzige Enttäuschung im Lauterbach-Lager. Die allgemeine Impfpflicht unterstützt der Minister zwar, einen eigenen Vorschlag brachte er aber nicht ein – und muss nun zusehen, wie das Projekt zerbröselt. Und statt die von ihm über Jahrzehnte propagierte Bürgerversicherung einzuführen, lässt er nun die Kassenbeiträge erhöhen.
Das alles ist erklärbar. Als Bundesgesundheitsminister kann Lauterbach seine Ideen nicht mehr einfach einem Talkshow-Publikum präsentieren, sondern muss sie in der harten Realität einer Koalition mit den Bündnispartnern abstimmen. Ohne Kompromisse geht es hier nicht – daran kann auch er nichts ändern. Was allerdings nicht dazu passt, ist Lauterbachs Verhalten. Der SPD-Politiker versucht erst gar nicht, sich glaubhaft hinter die ausgehandelten Beschlüsse zu stellen. Stattdessen warnt, mahnt und belehrt er weiter, als habe er mit all dem nichts zu tun und sei nicht selbst Deutschlands einflussreichster Gesundheitspolitiker. Die Botschaft: Schuld sind die störrische FDP, die bockige Union, die umsetzungsunwilligen Länder oder Amtsvorgänger Jens Spahn. Schon jetzt bereitet Lauterbach so den Boden, um es hinterher besser gewusst zu haben – und entzieht sich der Verantwortung für seine eigene Politik.
Sebastian.Horsch@ovb.net