WIE ICH ES SEHE

Die Kinder bringen uns zusammen

von Redaktion

Oleskii, Makar, Valeria und Kira, diese vier ukrainischen Kinder und ihre drei Mütter leben nun bei uns nebenan. Fünf Tage haben sie gebraucht, um von ihrer Heimat in der Nähe von Mariupol und östlich von Kiew bis zur polnischen Grenze zu gelangen. Polen wie Deutsche bewähren sich in dieser größten Flüchtlingskrise seit dem Krieg. Die Hilfsbereitschaft ist großartig.

Ich muss zurückdenken an den 4. April 1945 auf einem Bahnhof in Berlin. Meine Mutter hatte mit viel Glück einen Platz in einem der letzten Züge nach Westen erkämpft. Der Vater aber durfte seinen Posten nicht verlassen. So verlor sich sein Gesicht in der Menge auf dem Bahnsteig, als er zurückblieb, einem ungewissen Schicksal entgegenging.

Unser Abteil war übervoll mit Flüchtlingen, die schon weiter aus dem Osten kamen. Eine Frau berichtete, dass in ihrem Flüchtlingszug Babys erfroren waren in der Eiseskälte. Die Mütter hätten diese dann aus dem Fenster werfen müssen. Das machte auf mich Fünfjährigen doch einen schauerlichen Eindruck. Aber ich war geborgen in einer weißen Decke, in die meine Mutter mich eingewickelt hatte. Das kannte ich schon aus dem Luftschutzbunker. Später in den Notjahren schneiderte sie daraus für mich den ersten Mantel.

Wiederholt wurde unser Zug von Tieffliegern angegriffen. Er hielt dann zum Schutz in einem Waldstück. Wir gingen in der Zeit über den Bahndamm in den Wald hinein und hockten dort mit gebührendem Abstand, bis die Lokomotive einen kleinen Pfiff tat zum Zeichen, dass die Gefahr vorüber war und der Zug sich wieder in Bewegung setzen sollte.

Auch damals waren es Frauen und Kinder und allenfalls noch ein paar alte Männer unter den Millionen Flüchtenden. Die meisten hatten ein sehr viel schlimmeres Fluchtschicksal als wir.

Bei diesen Erinnerungen geht mir heute das Herz auf, wenn ich „unsere“ ukrainischen Kinder im Garten spielen sehe mit den deutschen Kindern aus der Nachbarschaft. Schnell ist unter ihnen eine richtige Gemeinschaft entstanden. Die unterschiedliche Sprache stört gar nicht. So gibt die neunjährige Kira ukrainisch in die Sprach-App ihres Handys ein: „Ich hatte einen schönen Traum, und dieser Traum war: hier zu sein!“

Den Müttern machen die schlimmen Nachrichten aus der Heimat das Leben schwer. Die Wohnung der einen Familie wurde total zerstört. Die in der Heimat gebliebenen Großeltern haben überlebt, gottlob. Sie leben nun im Keller.

Aber vorgestern hatte Valeria ihren 14. Geburtstag. Für den Abend ist ein kleines Festmahl für alle organisiert. Die ukrainischen Damen zaubern Köstlichkeiten auf den Tisch. Sechzehn Gäste, halb deutsch, halb ukrainisch, sind vereint. Und Kinderlachen dringt noch spät aus dem Haus. Das kleine deutsche Mädchen, das sich besonders angefreundet hat mit den „Fliehkindern“, meint am Ende: „Die müssen immer hierbleiben, die dürfen nie wieder fortgehen.“

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VON DIRK IPPEN

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