Berlin/Lwiw – Die ukrainische Hauptstadt Kiew kann sich in der sechsten Woche des Krieges erstmal aus einer versuchten Umklammerung durch russische Truppen befreien. Die militärisch bislang gescheiterten Angreifer scheinen sich, wie von Moskau angekündigt, aus dem Gebiet der Metropole komplett zurückzuziehen – und auch aus dem nördlich gelegenen Tschernihiw. Von Entspannung kann aber keine Rede sein. „Nach unseren Geheimdienstinformationen ziehen sich russische Einheiten nicht zurück, sondern positionieren sich neu“, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.
Immerhin: Die Situation rund um die Hauptstadt verbessere sich, hieß es in einer Mitteilung von General Mykola Schyrnow. Die zivile Infrastruktur werde wiederhergestellt – dies betreffe Unternehmen wie auch Handels- und Dienstleistungseinrichtungen. In den Außenbezirken werde aber weiter gekämpft. Schyrnow rief die Bevölkerung zur Vorsicht auf.
Erwartet wird, dass das russische Militär seine Kräfte sammelt, auffrischt und dann in den Kampf schickt. Dafür spricht auch, was britische Militärs beobachten: Aus den abtrünnigen georgischen Gebieten Abchasien und Südossetien kommt Verstärkung, um bisher erlittene Verluste der Russen auszugleichen. Auch dass Russland im Westen der Ukraine Tanklager und Nachschublinien attackiert, um die Ukraine militärisch zu schwächen, passt nach Angaben von Militärexperten zu dieser Strategie. Zugleich beobachten Diplomaten, dass die russischen Gespräche mit der Ukraine „wenig unterfüttert seien“. Kein echtes Interesse an einer Lösung.
Die russische Militärführung hatte zuletzt erklärt, dass sich ihre Truppen nunmehr auf die komplette Eroberung der ostukrainischen Gebiete Luhansk und Donezk konzentrieren sollen. Das Unvermögen, die Hauptstadt einzunehmen, wird zum Plan umgedeutet: Ziel der ersten Etappe sei es gewesen, „den Gegner zu zwingen seine Kräfte, Mittel, Ressourcen und Militärtechnik für den Halt großer Siedlungen, einschließlich Kiews, zu konzentrieren“, hieß es.
In dieser Woche meldete das ukrainische Militär die Rückeroberung des Kiewer Vororts Irpin. Ebenso erfolgreiche ukrainische Vorstöße gab es im Gebiet Dnipropetrowsk, bei denen russische Einheiten in die benachbarte Region Cherson zurückgedrängt wurden. Kleinere Erfolge wurden aus dem Gebiet Saporischschja gemeldet. Dazu haben die ukrainischen Truppen westlich und östlich der ostukrainischen Großstadt Charkiw mehrere Orte zurückerobert. Charkiw selbst aber wird beschossen.
Das aktuelle Hauptziel der russischen Truppen bleibt dabei die seit Anfang März eingeschlossene Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer. Russischen Angaben nach wurden dabei die ukrainischen Kräfte bereits zweigeteilt. Unter russischer Kontrolle soll sich bereits mehr als die Hälfte der Großstadt mit einst 440 000 Menschen befinden, darunter auch Teile des Zentrums um das schwer zerstörte Stadttheater. Auf ukrainischer Seite wird damit gerechnet, dass frische russische Kräfte die Kämpfe intensivieren – einschließlich verstärktem Einsatz von Luftwaffe und Artillerie.
Die russischen Truppenverlegungen dürften auch zu größerem Einsatz im übrigen Teil der Gebiete Donezk und Luhansk führen. „Dort wird die Hauptschlacht dieses Krieges stattfinden, die den weiteren Verlauf der Ereignisse in der Ukraine definieren wird“, sagt der ukrainische Militärexperte Oleh Schdanow. Ziel bleibt es offenkundig, die ukrainischen Einheiten einzukesseln. Damit sollen die kampfkräftigsten Teile der ukrainischen Streitkräfte ausgeschaltet und die Regierung in Kiew zu Zugeständnissen gezwungen werden. Sollte Putin seine Donbass-Pläne umsetzen können, besteht weiter die Gefahr eines Vorstoßes entlang der Schwarzmeerküste in Richtung Odessa, um der Ukraine den Meereszugang zu nehmen und eine Verbindung in Richtung des international nicht anerkannten Transnistriens in der Republik Moldau herzustellen.