Bilder des Grauens aus Butscha

von Redaktion

VON MARC BEYER

München – Zunächst klang es wie eine Erfolgsnachricht, eine von mehreren in den vergangenen Tagen. Die Orte Irpin, Butscha und Hostomel seien zurückerobert worden, schrieb die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar auf Facebook, die Region um die Hauptstadt sei somit „von den Invasoren befreit“. Doch es sind Bilder des Grauens, die sich den Soldaten bieten. In Butscha, einem Vorort Kiews, liegen auf den Straßen etliche Leichen, Reporter der Nachrichtenagentur AFP zählen mindestens 20. Alle tragen Zivilkleidung.

Tatsächlich scheint die Bilanz noch viel grausiger zu sein. Anatoly Fedoruk, der Bürgermeister der Kleinstadt, berichtet von 280 Menschen, die in Massengräbern beigesetzt werden mussten, weil die drei städtischen Friedhöfe in Reichweite des russischen Militärs liegen würden. Es stünden Autos auf den Straßen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“.

Am Samstagabend verbreitet der Präsidentenberater Mychajlo Podoljak über Twitter ein Foto, das mehrere erschossene Personen zeigt. Bei einer von ihnen sind die Hände auf dem Rücken gefesselt. „Sie waren nicht beim Militär, sie hatten keine Waffen, sie stellten keine Bedrohung dar“, schreibt Podoljak dazu. Er spricht von der „Hölle des 21. Jahrhunderts“.

Die Echtheit solcher Bilder kann nicht unabhängig geprüft werden, allerdings deckt sich der Eindruck, dass russische Soldaten massive Kriegsverbrechen begehen, mit dem eines Videos, das das ukrainische Verteidigungsministerium verbreitete. Es ist aus einem Auto heraus aufgenommen worden und zeigt die Straßen von Butscha. Immer wieder fahren die Soldaten an Leichen vorbei, bei einigen sind die Hände gefesselt, eine Person liegt unter ihrem Fahrrad. Das Ministerium schreibt in seinem Tweet von einem „neuen Srebrenica“, in Anlehnung an die bosnische Stadt, in der während des Kriegs 1995 Tausende hingerichtet wurden.

Was in Butscha und anderen Vororten geschehen sei, könne man „nur als Völkermord bezeichnen“, klagt Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko bei „Bild“ an. Er macht Russlands Präsident Wladimir Putin persönlich dafür verantwortlich. Für die ganze Welt „und insbesondere Deutschland“ könne es nur eine Konsequenz geben: „Kein Cent darf mehr nach Russland gehen. Das ist blutiges Geld, mit dem Menschen abgeschlachtet werden.“

Auch international ist der Aufschrei gewaltig. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch prangert „unaussprechliche, vorsätzliche Gräueltaten und Gewalt gegen ukrainische Zivilisten“ an. Bereits Anfang März hätten ihren Erkenntnissen zufolge russische Soldaten in Butscha mehrere Männer zusammengetrieben und mindestens einen von ihnen exekutiert. EU-Ratspräsident Charles Michel spricht von einem „Massaker“. Weitere Sanktionen gegen Moskau und Unterstützung für die Ukraine seien in Vorbereitung. Das russische Verteidigungsministerium dementiert einen Massenmord an Zivilisten in Butscha. „Während der Zeit, in der diese Ortschaft unter der Kontrolle der russischen Streitkräfte stand, ist kein einziger Einwohner Opfer von Gewalttaten geworden“ erklärte es am Sonntag.

Die ukrainische Regierung wertet den Rückzug der russischen Truppen aus dem Großraum Kiew sowie der weiter nördlich gelegenen Region Tschernihiw als weiteren Beleg, dass Moskau einen Strategiewechsel vollzieht. Die russische Armee wolle sich „nach Osten und Süden zurückziehen und dort die Kontrolle über große besetzte Gebiete behalten“, sagt Podoljak. In Odessa sollen eine Ölraffinerie und drei Treibstofflager beschossen worden sein.

Präsident Wolodymyr Selenskyj erwartet für die nächsten Tage „mächtige Angriffe“ auf die Hafenstadt Mariupol, die seit Wochen schwerem Bombardement ausgesetzt ist. Noch immer sollen dort 160 000 Zivilisten ausharren. Von 5000 Toten ist die Rede.  mit afp/dpa

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