„Diese Wunde wird nie heilen“

von Redaktion

Butscha/Berlin – Ljuba führt ihren Nachbarn zum Rand der Grube im nassen Lehmboden. Hier in dem Massengrab soll sein Bruder liegen – eines der vielen Opfer der russischen Gräueltaten im ukrainischen Butscha. Doch dem Mann fehlt die Kraft, einen Blick auf die Toten zu werfen. Er sackt auf einem umgefallenen Baumstamm zusammen.

In der Grube seien 57 Menschen notdürftig bestattet worden, sagt ein städtischer Angestellter. Einige stecken in schwarzen Leichensäcken, ein Toter ist in ein rot-weißes Bettlaken eingewickelt, daneben liegt eine rosa Frauensandale. Viele sind nicht vollständig begraben. Hier ragt eine blasse Hand aus der Erde, dort ein Fuß in einem Stiefel. Schnee fällt auf die Toten, im Hintergrund sind die goldenen Kuppeln einer Kirche zu sehen.

Über einen Monat lang war die Kleinstadt im Nordwesten von Kiew von russischen Truppen besetzt und schwer umkämpft. Nach der Rückeroberung durch die ukrainische Armee Ende vergangener Woche wurde das Ausmaß der Gewalt offenbar. „Diese Wunde wird nie heilen“, sagt die 62 Jahre alte Ljuba.

Auf einer schmalen Straße in der Nähe des Massengrabes liegen weitere Tote. Vier Männer sind mit einem Transporter zwischen den Häuserruinen unterwegs, um die Leichen zu bergen. Einer der Toten hat seine Beine in den Rädern eines Fahrrads verheddert, andere liegen neben von Kugeln durchlöcherten Autos. Alle tragen Zivilkleidung. Einem sind die Hände mit einem weißen Stoffstreifen auf dem Rücken gefesselt, sein in eine Kapuze gehüllter Kopf liegt in einer roten Lache. Witali Schreka versucht, den Stoff zu zerschneiden, aber sein Taschenmesser versagt. Stattdessen entknotet der 27-Jährige die Fessel mit seinen blutverschmierten Handschuhen und zieht den Toten in einen Leichensack.

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eilt am Montag in die zerstörte Stadt. Mit dunkelgrünem Pullover und einer Militärweste in Tarnmuster läuft er durch die Straßen, in Begleitung von bewaffneten Sicherheitskräften. „Die Welt wird das als Genozid anerkennen“, sagt er in die Kameras.

Zumindest ist die Welt bereits in Aufruhr. In allen Hauptstädten des Westens wird fieberhaft überlegt, wie man auf die Gräueltaten reagiert. US-Präsident Joe Biden fordert, Staatschef Wladimir Putin wegen Kriegsverbrechen vor Gericht zu stellen. „Er sollte zur Rechenschaft gezogen werden“, sagt Biden. „Dieser Kerl ist brutal. Es ist abscheulich, was in Butscha passiert, und alle haben es gesehen.“ Es handle sich um ein Kriegsverbrechen. Untersuchungen müssten „alle Details“ dokumentieren, „damit es einen Prozess wegen Kriegsverbrechen geben kann“.

Auch Berlin gibt ein klares Signal an Moskau – obwohl man immer noch an den Gaslieferungen festhalten will. Die Bundesregierung erklärt 40 russische Diplomaten zu „unerwünschten Personen“. Man habe entschieden, „eine erhebliche Zahl von Angehörigen der russischen Botschaft zu unerwünschten Personen zu erklären, die hier in Deutschland jeden Tag gegen unsere Freiheit, gegen den Zusammenhalt unserer Gesellschaft gearbeitet haben“, teilt Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) mit. Werden Diplomaten zu unerwünschten Personen erklärt, kommt dies einer Ausweisung gleich.

Die Arbeit der betroffenen Diplomaten, die laut Innenministerin Nancy Faeser (SPD) russischen Nachrichtendiensten zugerechnet werden, „ist eine Bedrohung für diejenigen, die bei uns Schutz suchen“, erklärt Baerbock zur Begründung. Der russische Botschafter Sergej Netschajew war von Staatssekretär Andreas Michaelis ins Auswärtige Amt einbestellt und über die Ausweisung informiert worden. Die russische Botschaft teilt am Abend mit, die Ausweisungen würden das Verhältnis zu Deutschland weiter „verschlechtern“. Auch Frankreich kündigt an, russische Diplomaten auszuweisen.

Russland weist die Anschuldigungen zurück und negiert auch die Berichte westlicher Journalisten aus Butscha. Experten des russischen Verteidigungsministeriums hätten Anzeichen für „Videofälschungen“ und „Fakes“ entdeckt.  mm/ap/dpa

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