„Tötet sie alle, verdammt“

von Redaktion

VON MARC BEYER

München – Der Ton ist unaufgeregt, der Inhalt umso grausiger. Funksprüche, die der Bundesnachrichtendienst (BND) abgefangen hat, sollen laut „Spiegel“ belegen, dass russische Soldaten gezielt Zivilisten getötet haben. Konkret geht es um Taten in Butscha, einem Vorort von Kiew, der kürzlich von ukrainischen Truppen zurückerobert worden war. Die Bilder von Leichen auf den Straßen hatten für weltweites Entsetzen gesorgt. 90 Prozent der Toten wiesen Schusswunden auf, sagte der Bürgermeister.

Das Magazin berichtet nun, der BND habe seine Erkenntnisse am Mittwoch den zuständigen parlamentarischen Stellen präsentiert. Am selben Tag hatte Kanzler Olaf Scholz im Bundestag von einem „Massaker“ gesprochen und die russische Darstellung, die Ukraine habe die Verbrechen inszeniert, als „Lügen“ bezeichnet. Sein Sprecher Steffen Hebestreit sprach zudem von „glaubhaften Hinweisen“, dass es Verhöre von Gefangenen gegeben habe, „die anschließend exekutiert worden sind“.

Die Aufnahmen des BND bestätigen diese Darstellung offenbar. Demnach deuten die Funksprüche darauf hin, dass die gezielte Ermordung von Zivilisten Teil der Kriegsstrategie ist. So soll ein Soldat darüber sprechen, dass man ukrainische Soldaten befrage und dann erschieße. Ein anderer soll berichten, dass er und seine Mitstreiter eine Person getötet hätten, die mit dem Fahrrad unterwegs war. Die BND-Erkenntnisse scheinen zudem zu belegen, dass die berüchtigte Söldnergruppe „Wagner“ beteiligt war.

Dass derart sensibles Material nach außen dringt, dient nicht zuletzt dem Zweck, Russland keinen Raum für Propaganda und Lügen zu lassen. Während die Aggressoren die schmutzigen Details ihres Krieges gerne verschweigen würden, geht es dem Westen um größtmögliche Transparenz. Das Vorlegen kompromittierender Funksprüche ist ein besonders drastisches Beispiel. Der ukrainische Geheimdienst fing eine Nachricht ab, in dem ein russischer Kommandeur den Befehl erteilt: „Tötet sie alle, verdammt! Zivilisten, alle, tötet sie alle!“ Schon vor Beginn des Krieges hatten westliche Dienste Erkenntnisse bereitwillig mit der Öffentlichkeit geteilt. Das ging so weit, dass US-Quellen sich im Februar auf den Tag genau festlegten, wann die ersten Angriffe russischer Truppen zu erwarten seien.

Es bleibt wenig verborgen in diesem Krieg, der durch Zeugenaussagen, Social-Media-Einträge, Satellitenaufnahmen und weitere Quellen ausgeleuchtet wird. Die „New York Times“ veröffentlichte am Dienstag ein Drohnen-Video, das die Ermordung eines Zivilisten, der in Butscha mit seinem Fahrrad unterwegs war, durch die Besatzung eines russischen Panzers zeigt. Nach der Befreiung der Stadt wurde die Leiche an exakt dieser Stelle aufgefunden.

Auch dieser Beweis widerlegt die russische Version, die Gegenseite sei für die Bilder selber verantwortlich. Dennoch bleibt Moskau bei seiner Darstellung. In Paris wurde deshalb jetzt der russische Botschafter einbestellt. Seine Diplomaten hatten ein Foto aus Butscha mit dem spöttischen Kommentar „Eine Filmszene“ veröffentlicht.

Die BND-Fundstücke lassen erahnen, dass Butscha kein Einzelfall war. Die Grausamkeiten gegen Zivilisten dienen der systematischen Einschüchterung der Menschen und dem Versuch, jeden Widerstand zu ersticken. Mehr als 1600 Zivilisten, allein 131 Kinder, sind laut UN bisher gestorben. In der nordukrainischen Stadt Borodjanka wurden gestern aus den Trümmern zweier Wohnblöcke 26 Leichen geborgen.

Auf ukrainischer Seite erwartet man im Osten des Landes eine russische Großoffensive. Regionalbehörden riefen die Bewohner eindringlich auf, den Donbass zu verlassen: „Diese paar Tage sind vielleicht die letzte Chance.“ Dramatisch ist die Lage auch in Mariupol im Süden. Dessen Bürgermeister warf den Angreifern vor, mobile Krematorien einzusetzen, in denen zur Vertuschung von Kriegsverbrechen Leichen verbrannt werden. Das, sagte Wadym Bojtschenko, sei „ein neues Auschwitz und Majdanek“.

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