München/Berlin – Am Tag nach Anne Spiegels Rücktritt ist die Suche nach ihrer Nachfolgerin in vollem Gange. Auch die nächste Familienministerin soll, wenn irgendwie möglich, eine Frau sein – das macht die Bundesvorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, klar. Die Partei habe gesagt, man besetze die Posten paritätisch. „Bei diesem Grundsatz bleiben wir natürlich auch“, sagt Lang.
Allerdings ist bei den Grünen neben der Geschlechterfrage noch eine weitere entscheidend. Die Partei teilt sich traditionell in zwei Flügel. Da sind zum einen die sogenannten Realos – Vizekanzler Robert Habeck zählt dazu, Außenministerin Annalena Baerbock oder auch Landwirtschaftsminister Cem Özdemir. Auf der anderen Seite steht der linke Flügel, zu dem neben Umweltministerin Steffi Lemke mit Lang auch eine der beiden Parteivorsitzenden zählt – und zumindest bisher eben auch Spiegel.
In der Partei empfinden es einige als unfair, wie mit der Familienministerin umgegangen wurde. Andere sahen keinen Ausweg: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Klar ist aber, dass der linke Flügel das Vorschlagsrecht in der Nachfolgefrage bei sich sieht. Schon nach der Bundestagswahl fühlten sich viele von den Realos übervorteilt, weil Özdemir Minister wurde und nicht der Bayer Anton Hofreiter. Nun wird man kaum ein weiteres Ministerium kampflos aufgeben. Doch: „Es gibt im linken Flügel derzeit niemanden, der für das Amt prädestiniert wäre“, sagt ein Insider. In der Fraktion heißt es, Sozial- und Familienpolitikerin Katrin Göring-Eckardt wäre eine logische Kandidatin – und stünde wohl auch bereit. Sie scheidet der grünen Parteilogik zufolge aber aus, weil sie dem Realo-Flügel von Habeck, Baerbock und Özdemir angehört.
Dass stattdessen Hofreiter nun doch noch zum Zug kommen könnte, gilt als äußerst unwahrscheinlich. Er ist zwar vor einem Jahr Vater geworden, Familienpolitik ist bisher aber nicht gerade seine Expertise. Und da er ein Mann ist, wäre ohnehin höchstens eine Personal-Rochade denkbar. Doch auch dafür dürfte Hofreiter im Zorn über seine Ausbootung innerhalb der Partei zu viel verbrannte Erde hinterlassen haben.
Auch die aus Bayern stammende Ekin Deligöz, Staatssekretärin im Familienministerium, wäre eine Kandidatin, wenn sie nicht dem Realo-Flügel angehören würde. Sven Lehmann, ebenfalls Familien-Staatssekretär, scheidet wiederum wegen seines Geschlechts aus.
Stattdessen rückt ein anderer Name ins Zentrum: Katharina Dröge. Seit Dezember ist die Parteilinke Fraktionschefin im Bundestag. Schon im März hätten führende Grüne bei der 37-Jährigen nachgefragt, ob sie sich einen Wechsel an die Spitze des Familienministeriums vorstellen könnte, wenn Spiegel scheitern sollte. Das berichtet die „Bild“. Das Problem: Sie soll Nein gesagt haben.
Womöglich könnte es am Ende also doch auf eine Rochade hinauslaufen. Sollte beispielsweise Göring-Eckardt Familienministerin werden, könnte eine linke Grüne ihren Posten als Bundestagsvizepräsidentin übernehmen. Die ehemalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast würde dafür zumindest genug Erfahrung mitbringen. Sie sitzt seit 2002 im Parlament. Und dann gibt es ja auch noch Claudia Roth, derzeit Kultur-Staatsministerin.
Parteichefin Lang sagt am Dienstag, die Grünen hätten viele Politikerinnen unterschiedlichsten Alters, die Erfahrung und Expertise mitbrächten. „Die werden wir uns jetzt anschauen. Und dann werden wir als Bundesvorstand einen gemeinsamen Vorschlag machen.“ Die Partei werde sich dafür die notwendige Zeit nehmen. „Trotzdem gibt es jetzt auch ein Bedürfnis, diese Frage schnell zu klären“, sagt Lang. „Das heißt, ich denke nicht, dass wir noch über Ostern hinweg uns mit dieser Frage beschäftigen werden.“