Gao – Glutheiß bläst der Harmattan, der berüchtigte Wüstenwind aus der Sahara, den Besuchern entgegen. Auch an diesem Dienstag treibt er das Thermometer in Gao auf über 40 Grad. Annalena Baerbock legt sich die schwere Bundeswehr-Schutzweste um und steigt aus dem Luftwaffen-Airbus, der sie in die alte Handelsstadt am Ufer des Niger gebracht hat. Staub hängt in der Luft, Reisen in Mali ist im Hitzemonat April eine Tortur. Dass die Bundesaußenministerin dennoch nach Gao geflogen ist, verrät eine gewisse Dringlichkeit.
Deutschland hat viel militärisches und politisches Kapital in Mali investiert, und diese Investition droht zu scheitern. Baerbocks Besuch dient der Schadensbegrenzung. Denn der bettelarme Sahelstaat ist zum Nebenschauplatz jenes Großkonflikts geworden, der momentan die Welt erschüttert: Russland gegen den Westen. Kreml-Chef Wladimir Putin versucht, seinen Einflussbereich in Afrika auszudehnen, um seinen Großmachtanspruch zu untermauern – und hat dabei in Mali Erfolg.
Das Land ist auf dem Weg, zum russischen Brückenkopf in Afrika zu werden. Russische Kämpfer der berüchtigten Söldnertruppe Wagner sind an der Seite des malischen Militärs im Land aktiv. Im März lieferte Moskau Kampfhubschrauber. Dass die EU wenige Stunden vor Baerbocks Besuch ihre militärische Ausbildungsmission für Malis Armee auf Eis legte, dürfte in Moskau als Punktsieg im Kampf gegen den Westen gewertet werden.
Im Mai muss der Bundestag entscheiden, ob die Bundeswehr weiter in Mali bleiben soll. Eine vertrackte Mission also für Baerbock. Zu Beginn des Besuchs lässt sie sich vom deutschen Kontingentführer des UN-Blauhelm-Einsatzes Minusma in Gao die schwierige Lage schildern. Gegenüber den malischen Gastgebern in der Hauptstadt Bamako wahrt sie kühle Distanz.
Die Militärregierung habe „in den vergangenen Monaten international sehr viel Vertrauen verspielt“ – nicht zuletzt durch die „intensivierte militärische Zusammenarbeit mit Moskau“, sagt die Ministerin. Ein Weiter-so dürfe es nicht geben, Deutschland stelle sein Engagement auf den Prüfstand.
Es ist paradox: Während sich Russland mit seinem Angriff auf die Ukraine weltweit isoliert hat, schwenken malische Demonstranten in den Straßen von Bamako begeistert russische Flaggen. „Hier in Mali herrscht eine Pro-Russland-Stimmung“, sagt der Sahel-Experte Ulf Laessing, der das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bamako leitet. Er warnt vor einem Abzug. „Wenn Deutschland sich jetzt aus Mali zurückzieht, würden wir das Land an die Russen verlieren.“
Seit 2013 sind ausländische Truppen in Mali, unter ihnen die Bundeswehr. Der Grund: Mali ist das Zentrum eines dschihadistischen Aufstands, der 2012 im vernachlässigten Norden des Landes begann und seither die ganze Region ergriffen hat. Nur: Der internationale Militäreinsatz hat die Erwartungen enttäuscht und nicht zu der erhofften Stabilisierung geführt.
Al-Kaida- und IS-Ableger verüben immer wieder Anschläge. Der malische Staat kann seine Schutzfunktion nicht wahrnehmen. Der Armee entgleitet die Kontrolle über das Land. Die Zivilbevölkerung leidet – und ihre Wut richtet sich auch gegen den Westen. Aus Sicht Moskaus sind dies perfekte Umstände für antiwestliche Störmanöver in Mali. Denn die Russen greifen hier brutal durch gegen die Dschihadisten. Ende März sollen russische Söldner bei einem gemeinsamen Einsatz mit malischen Soldaten in der Ortschaft Moura 300 Zivilisten getötet haben.
Baerbock will sich trotzdem nicht so schnell aus Mali davonmachen, wie es in Deutschland manche fordern. Auch Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hatte zuletzt Zweifel geäußert. Mit ihrer Beteiligung leiste die Bundeswehr „einen Beitrag, um für einen gewissen Grad an Stabilisierung in dieser Region zu sorgen“, sagt Baerbock. Sie räumte ein, dass der angekündigte Rückzug der französischen Soldaten aus Mali eine Lücke hinterlasse. Diese müsse man mit den Partnerländern gemeinsam füllen. afp/dpa/mm