Putin vor Offensive siegessicher

von Redaktion

Kiew – Kurz vor der erwarteten Großoffensive in der Ostukraine hat sich Russlands Präsident Wladimir Putin trotz zahlreicher Rückschläge in dem fast siebenwöchigen Krieg siegesgewiss gezeigt. Die Ziele der „Spezialoperation“ würden erreicht, sagte Putin. Der Kremlchef rechtfertigte erneut den Einmarsch, er diene der russischen Sicherheit: „Wir hatten keine andere Wahl“, sagte Putin. Der Konflikt mit den „antirussischen Kräften in der Ukraine“ sei nur eine Frage der Zeit gewesen.

In der fast zerstörten Stadt Mariupol berichtete das ultranationalistische Asow-Regiment von einem Giftgasangriff der Russen. Eine Bestätigung gab es bisher nicht, die USA und Großbritannien reagierten aber dennoch besorgt. In Mariupol gehen den Soldaten zudem Lebensmittel und Munition aus. Seit Beginn der Belagerung vor rund sechs Wochen seien keine Lieferungen mehr zu ihnen durchgekommen, berichten Soldaten.

Derweil betonte Putin bei einem Besuch des russischen Weltraumbahnhofs „Wostotschny“ im äußersten Osten des Landes, dass sich Russland nicht vom Rest der Welt abschotten wolle. Auch die Sanktionen, mit denen der Westen auf die russische Invasion reagierte, könnten sein Land nicht isolieren.

Russland habe seine Truppen in der Ostukraine zuletzt von 30 000 auf 40 000 Mann aufgestockt, hieß es vom US-Verteidigungsministerium. Die Truppen wollen nach Angaben aus Kiew bis an die Verwaltungsgrenzen des Gebiets Donezk vordringen. Moskau werde versuchen, Mariupol sowie die Kleinstadt Popasna im Gebiet Luhansk einzunehmen, teilte der ukrainische Generalstab mit. Das Kommando der ukrainischen Armee im Osten erklärte, man habe im Gebiet Donezk an sechs Stellen Angriffe abgewehrt.

Den westlichen Einschätzungen nach könnte ein russischer Angriff von Norden aus Richtung Charkiw und Isjum erfolgen. Satellitenbilder zeigten vor Isjum einen kilometerlangen Konvoi mit Fahrzeugen zur Unterstützung von Infanterie, Kampfhubschrauber und Kommandostellen. Ein zweiter Zangenangriff wird von Süden erwartet. Die britischen Geheimdienste erwarten in den kommenden zwei bis drei Wochen verstärkte Gefechte im Osten der Ukraine. Serhij Hajdaj, Leiter der Militärverwaltung in Luhansk, sagte, Dauerregen könnte den russischen Vormarsch verzögern.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den russischen Streitkräften schwere Kriegsverbrechen wie massenhafte Vergewaltigungen und Folter vorgeworfen. „Es wurden hunderte Vergewaltigungen registriert, auch von jungen Mädchen und sehr kleinen Kindern. Sogar an einem Baby“, sagte Selenskyj am Dienstag bei einer Ansprache per Video im litauischen Parlament. Zudem verkündete Selenskyj die Festnahme des engsten Verbündeten von Wladimir Putin in der ukrainischen Politik, den Oligarchen Viktor Medwedtschuk.

Die Zahl der erfassten Ukraine-Flüchtlinge in Deutschland ist auf mehr als 335 000 angestiegen, überwiegend Frauen, Kinder und alte Menschen, wie das Bundesinnenministerium mitteilte. Es ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl höher liegt, da es an den Grenzen keine festen Kontrollen gibt. Insgesamt haben nach UN-Angaben mehr als 4,6 Millionen der ehemals 44 Millionen Einwohner die Ukraine verlassen. Die Regierung in Kiew meldet jedoch gestern, dass bereits 870 000 Ukrainer wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt seien und vor allem in den westlichen Regionen untergekommen seien.

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