Berlin/Lwiw – Wenig mehr als zwei Wochen bleiben Wladimir Putin noch bis zur Militärparade am 9. Mai, die ungeachtet aller Kämpfe in der Ukraine an den Sieg über Hitlerdeutschland erinnern soll. Der russische Präsident hat ein Faible für solche Daten. Will er an diesem Tag auch einen Sieg in der Ukraine verkünden, müssen seine Truppen nun deutlich vorankommen. Eine Großoffensive mit schnellen Geländegewinnen gibt es bisher nicht. Schritt um Schritt gehen die russischen Truppen bislang vor. Aber: Allein im Gebiet Donezk sollen 42 Ortschaften erobert worden sein, sagte Olena Symonenko, eine Beraterin im Präsidentenbüro.
„Wenn wir von Großangriff sprechen, sprechen wir von Durchbruchsabschnitten von jeweils fünf Kilometer Breite. Dann sprechen wir außerdem vom Angriff der ersten und zweiten Welle, bestehend aus Panzern und motorisierter Infanterie, rund um die Uhr begleitet von Schlachtfliegern, unterstützt durch eine Feuerwalze der Artilleriegruppen der jeweiligen Armeen“, sagt der Militärexperte Michael Karl, der sich als Forscher der Bundeswehr-Denkfabrik GIDS mit Russland und Osteuropa befasst. Derzeit gebe es „punktuelle russische Angriffe auf ausgewählte Primärziele“.
Für die Angreifer seien die Wetter- und Bodenbedingungen schlecht. „Starker Regen, aufgeweichte Böden. Die Schlammperiode hält immer noch an. Die Folge: Die Panzer bleiben auf Straßen und befestigten Wegen, sie werden quasi kanalisiert“, sagte er. Die Ukrainer könnten sich darauf einstellen und mit kleinen Panzervernichtungstrupps reagieren. Dabei hätten sie die Schwachstelle an dem von Russen und Ukrainern genutzten Kampfpanzer T-72 ausgemacht: die Ladeautomatik. „Ein Treffer in diesem Bereich führt zu einer Verbrennungsverpuffung oder lässt die Munition unterhalb der Panzerbesatzung detonieren“, sagt Karl. Es gibt viele Aufnahmen zerstörter Panzer, bei denen der ganze Turm abgerissen ist.
Entgegen allgemeiner Erwartungen ist der russische Angriff bisher aber nicht so massiv ausgefallen. „Sowohl von Norden als auch von Süden suchen die russischen Truppen Stellen, an denen sie unsere Verteidigung durchbrechen können“, konstatierte der Militärexperte Oleh Schdanow im ukrainischen Fernsehen. Die Front sei jedoch vom Prinzip her stabil, und es habe keine starken Änderungen gegeben.
Kremlsprecher Dmitri Peskow wollte die Frage, ob die „Operation“ nun ausgeweitet werde, nicht kommentieren. Er verwies an das Verteidigungsministerium, das zuvor erklärt hatte, sich auf den Osten der Ukraine zu konzentrieren. Dort sollen die Gebiete Luhansk und Donezk komplett der ukrainischen Kontrolle entrissen werden. „Die Kontrolle über den Süden der Ukraine, da ist noch ein Zugang zu Transnistrien“, sagte der Befehlshaber des zentralen Wehrbezirks, Rustam Minnekajew. In der von der Republik Moldau abtrünnigen Region Transnistrien sind russische Truppen stationiert. Die Ukraine könnte so im Süden den Zugang zum Schwarzen Meer verlieren. Minnekajew deutete an, dass auch in Transnistrien die Interessen der russischsprachigen Bevölkerung verteidigt werden sollen.
In der Nähe der von russischen Truppen belagerten Hafenstadt Mariupol im Südosten deuten Satellitenbilder derweil auf ein mögliches Massengrab hin. Der US-Satellitenfotodienst Maxar verbreitete Aufnahmen, die in dem Vorort Manhusch mehrere ausgehobene Grabstellen zeigen sollen. Der Stadtrat von Mariupol und Bürgermeister Wadym Bojtschenko sprechen davon, dass dort bis zu 9000 Menschen begraben sein sollen. Stadtrat und Bürgermeister sind selbst aber nicht mehr vor Ort. Die Angaben waren von unabhängiger Seite nicht überprüfbar.