Putins Influencer sitzen auch in Deutschland

von Redaktion

VON KATHRIN BRAUN

München – Die Kamera startet, als ein älterer Mann durch die Trümmer eines zerstörten Gebäudes kriecht. Er trägt Vollbart und Mütze, zwischendurch blickt er kurz in die Linse, ihm fehlen ein paar Zähne. An seinem linken Bein ist mit Klebeband eine Schiene fixiert. Kurzer Schnitt. Dann helfen ihm zwei Soldaten in russischen Uniformen auf. Sie stützen ihn bis zu einem Verbandskasten, geben ihm eine Spritze in den Oberschenkel, dann endet die Sequenz.

Gedreht wurde das Video von Journalisten des Senders „Russia Today“ (RT) – in Deutschland ist der russische Propaganda-Sender seit Wochen verboten. Im Netz können aber auch Menschen in Deutschland problemlos auf die Inhalte von RT zugreifen. „Der erschöpfte alte Mann kriecht buchstäblich aus dem Territorium der Asowschen Nationalisten in Mariupol“, schreibt ein Nutzer des russischen sozialen Netzwerks „Pikabu“ auf Russisch. Den RT-Journalisten erzählt der verletzte Mann in einem Interview, dass ihm ein ukrainischer Scharfschütze ins Bein geschossen habe. „Jetzt ragen die Knochen aus einer offenen Wunde von der Größe einer Mandarine, und die Wunde ist infiziert und eitert“, schreibt der Nutzer. Das Video wird mehr als 62 000 Mal angeklickt. „Niemand hat mehr zur Diskreditierung der ukrainischen Armee beigetragen als die ukrainische Armee selbst“, kommentiert ein weiterer User.

Russlands Truppen als Helden im Krieg: Diese Darstellung findet sich seit dem Angriff auf die Ukraine immer wieder in den sozialen Medien – und das nicht nur in russischsprachigen Portalen. „Die russischen Truppen haben Mariupol befreit“, postet am Donnerstag eine Frau in dem Videoportal TikTok – nur wenige Stunden, nachdem Putin die Hafenstadt für erobert erklärt hatte. Unter dem Hashtag #istandwithrussia (Ich stehe zu Russland) finden sich bei TikTok 6,1 Millionen Beiträge.

„Die Leute wollen es nicht wahrhaben“, sagt ein Russlanddeutscher namens Rene R. in einem Video, „aber die ganze Welt hat sich bereits gegen Europa und gegen die USA entschieden“. Putin sei zwar kein „lupenreiner Demokrat“, habe aber versucht, „wie ein Chirurg mit dem Seziermesser“ zivile Opfer „so gut es geht zu vermeiden“.

Der Krieg spaltet die russische Community: Mehr als zwei Millionen russischsprachige Menschen leben in Deutschland, die meisten von ihnen sind Spätaussiedler. Viele von ihnen verurteilen den Angriff auf die Ukraine. Doch die Gruppe der Putin-Befürworter ist meist lauter: In den vergangenen Wochen sind in mehreren deutschen Städten hunderte Demonstranten auf die Straße gegangen, um sowjetische Fahnen und auch verbotene Symbole wie das „Z“ zu schwenken – und um zu zeigen, dass sie im Krieg zu Russland stehen. Auffällig ist: Viele der Menschen, die im Netz russische Propaganda verbreiten, teilen auch typische Querdenker-Inhalte. „Vor welches Gericht werden Lauterbach und Spahn gestellt“, fragt zum Beispiel Rene R. in einem seiner TikTok-Videos, „und die Menschen, die an der Maskenpflicht beteiligt waren?“

Auch der Nutzer Matthias R. verkündet auf VKontakte (vk), der beliebtesten russischen Social-Media-Plattform, sowohl prorussische Autokorsos als auch Querdenker-Spaziergänge. In seinem Profil warnt er vor angeblichen „Genveränderungen“ und „Infektionskrankheiten“, die durch Corona-Impfungen ausgelöst werden sollen. Ein Gespräch mit unserer Zeitung lehnte er ab, da „man Journalisten nicht mehr vertrauen“ könne.

Auch Elisabeth F. teilt auf ihrem vk-Account sowohl russische Propaganda als auch Berichte über mögliche Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe. Die „Massenmedien“ seien ihrer Meinung nach „das Sprachrohr“ der deutschen Politik – und diese wiederum sei „schon längst im Faschismus angekommen und sie indoktriniert unsere Menschen schlimmer als Hitler“, postet sie. Unserer Zeitung erzählt sie, dass sie sich seit 2014 intensiv mit den Geschehnissen im Donbass beschäftige. „Ich habe das Leid dieser Menschen gesehen und auch, was das faschistische Asow-Regiment getan hat“, sagt sie. „Russland hatte keine andere Wahl, als zuerst zuzuschlagen und es wurde höchste Zeit.“

Dieses russische Narrativ findet sich mittlerweile auch in deutschsprachigen Nachrichtenseiten wieder. Das österreichische Portal report24.news etwa schreibt: „Wer am Staatsgebiet der Ukraine versucht, eine neutrale Position der Geschehnisse zu berichten oder auch die russische Sicht der Dinge zu beleuchten, muss damit rechnen, ermordet zu werden.“ Solche Meldungen würden es aber nicht in die westlichen Nachrichten schaffen, heißt es. Zudem wird auch über „Klimawahnsinnige“, die den Mond sprengen wollen, sowie über Reisetipps nach Tansania berichtet – denn dort könne man „maskenfrei und unbefangen leben“. Über ihr eigenes Portal schreibt die Redaktion: „Bei unseren Autoren handelt es sich ausnahmslos um Extremisten.“

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