Söders schwierigste Personalie

von Redaktion

München – Die Frau, über die in diesen Tagen so viele spekulieren, hat gerade keinen angenehmen Termin. Michaela Kaniber steht auf einem Bauernhof in 97447 Brünnstadt vor aufgebrachten Landwirten. Düngemittelverordnung, Zukunft der Nutztierhaltung, Streit um ökologische Vorrangflächen: An diesem Donnerstagnachmittag in Unterfranken muss sie das Kunststück vollbringen, das an guten Tagen einem CSU-Agrarminister gelingt: Als Buhmann vor die Bauern treten, zuhören, antworten, sich streiten, dann den Blutdruck wieder senken – und am Ende mit Respekt verabschiedet werden.

Kaniber gelingt das wieder. Irgendwie würde sie ja doch fehlen, sagt einer der Bauern hinterher sinngemäß, ehe die Minister-Limousine zum nächsten Termin rollt. Was keine rein hypothetische Sache ist – denn eben wegen Kanibers Auftreten, beizeiten charmant, beizeiten mit eiserner Härte, ist die 44-Jährige jetzt eine der zentralen Kandidatinnen für die Nachbesetzung des CSU-Generalsekretärs. Parteichef Markus Söder denkt ernsthaft nach, die Oberbayerin zu versetzen.

Die Entscheidung sei offen, berichten Eingeweihte. Söder zögert, wägt ab. Im kleinen Kreis skizziert er die Anforderungen an den neuen General: lieber Frau als Mann; lieber vom Land als aus der Stadt; lieber aus dem Süden als aus dem Norden. All das erfüllt Kaniber, dazu kommen ein konservatives Profil und strikte Söder-Loyalität. Noch dazu trauen ihr Parteifreunde blind zu, gleichermaßen im Bierzelt wie bei Anne Will selbstbewusst aufzutreten. Zweifel und Zittrigkeit werden ihr eher nicht nachgesagt. Dass sie sich schnell einarbeiten kann, bewies sie im März 2018. Da berief Söder die völlig fachfremde Kaniber ins Agrarressort. „Steuerfachangestellte“, „Mitarbeiterin im dörflichen Gastronomiebetrieb“, war in jenen Tagen mit süffisantem Unterton über die Mutter dreier Töchter zu lesen. Nicht lange. So wie auch die altväterlichen Tätscheleien und „Mädchen“-Sprüche von Funktionären bald endeten.

Trotzdem gibt es Bedenken. Söder müsste dann erneut sein Kabinett umbauen, Minister und Parteimanager geht im Landtagswahlkampf nicht gleichzeitig. Bei diesem Wechsel hätte die Opposition die Gelegenheit, den ganzen Ärger um Mayer, seine Attacke auf einen Journalisten („werde Sie vernichten“) im Landtag auszudiskutieren.

Auch gilt Kaniber nicht als Chef-Strategin. Ein Generalsekretär muss den Landtagswahlkampf planen, organisieren, PR-Agenturen koordinieren, Plakatkampagnen steuern, bis in die Feinheiten in Wahlprogramm-Debatten einsteigen. Söder müsste dann wohl die Parteizentrale personell stärken, Kaniber Strategen zur Seite stellen.

Alternativen werden in der CSU mehrere genannt: Aus der Bundespolitik kommen Florian Hahn (Kreis München), Daniela Ludwig (Rosenheim) und die bei jeder Besetzung tapfer von „Bild“ hoch gehandelte Fränkin Dorothee Bär. Alle drei waren schon Vize-Generalsekretäre, kennen also die Partei. Ins Profil passen würde auch die Schwäbin Katrin Albsteiger (38), sie hat als Oberbürgermeisterin von Neu-Ulm aber einen (Mehr-als-)Vollzeit-Job.

In der Partei rumort es nun. Sogar Ilse Aigner, die Oberbayern-Chefin, meldet sich öffentlich zu Wort. Sie ist, vorsichtig gesagt, keine enge Freundin Kanibers. „Der neue General sollte den ländlichen Raum repräsentieren und stärken“, sagt sie. Es sei aber nicht entscheidend, ob es eine Frau oder ein Mann werde. „In diesen Kategorien sollten wir bei der Auswahl nicht denken. Es geht um Qualifikation, nicht ums Geschlecht.“ Sie verlangt stattdessen „ausreichend Erfahrung“ und genaue Kenntnis der Parteistrukturen.

Zu mutmaßlich Söders geringer Freude meldet sich zudem der Ex-Vorsitzende Erwin Huber zu Wort. „Der gewaltige Stimmenverlust bei der Bundestagswahl, das Pandemiemanagement, vor allem aber indiskutable moralische Fehltritte von Mandatsträgern und zuletzt der Blackout des Generalsekretärs haben die CSU in eine dramatische Situation gebracht.“

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