New York – „Du bist zu spät. Ich habe hier viel zu tun“, blafft Jackie Rowe-Adams durch das vollgekramte Büro, das der Besucher in Harlem betritt. „Harlem Mothers Save“ heißt ihre Organisation, die sich um Opfer von Schusswaffen im New Yorker Stadtteil kümmert und Gewalt verhindern will. Diese jedoch grassiert zunehmend. Nicht nur in Harlem und New York, in vielen Städten der USA. Präsident Joe Biden redet von einer „Epidemie der Waffengewalt“. Und Rowe-Adams – die zwei Söhne durch Schüsse verloren hat – hat mehr Arbeit denn je.
Die schockierenden Zahlen: 488 Morde verzeichnete die New Yorker Polizeibehörde NYPD 2021 in der Ostküstenmetropole. Das ist der höchste Wert seit einem Jahrzehnt. 1500 Schießereien markierten den Höchststand seit 15 Jahren – eine Verdopplung in nur zwei Jahren. In Chicago wurden sogar 797 Menschen ermordet, was seit einem Vierteljahrhundert nicht passiert sei.
Jackie Rowe-Adams steht im Kampf gegen die Waffengewalt an vorderster Front. Bilder in ihrem Büro zeigen sie Arm in Arm mit New Yorks Bürgermeister Eric Adams oder mit drohend erhobenem Zeigefinger vor dem mächtigen Boss des Waffen-Lobbyverbandes NRA. Rowe-Adams ist gegen die Gewalt in den Krieg gezogen, weil sie vor Jahrzehnten selbst zum Opfer wurde. Es fühle sich wie gestern an, dass sie ihren Sohn Anthony verloren habe, erzählt sie. Der damals 17-Jährige sei in einem Lebensmittelgeschäft in Harlem gewesen, um sich etwas zu trinken zu kaufen. Eine Gruppe von Männern habe Streit gesucht. Sie folgten dem jungen Mann die Straße entlang zum Haus seiner Großeltern. „Und als er auf die Treppe stieg, da haben sie auf ihn geschossen.“ 16 Jahre später sei auch ihr zweiter Sohn – Tyrone – gestorben. Bei einem Überfall auf offener Straße. Er wurde 27.
Das war der Moment, in dem Rowe-Adams handelte und „Harlem Mothers Save“ gründete. „Waffengewalt hat unsere Stadt, unseren Staat und unsere Gemeinden erobert“, schimpft sie. Ein Hauptgrund seien die vielen illegalen Pistolen und Gewehre. Für diesen Zufluss an Waffen gibt es einen Namen: die „Eiserne Pipeline“. Der Soziologe Gregg Lee Carter definierte den Begriff in seinem Buch „Schusswaffen in der amerikanischen Gesellschaft“ als „Bewegung und Handel mit Waffen aus Staaten mit weniger restriktiven Waffenkontrollen in Staaten mit strengeren Vorschriften“.
Jeden Tag fahren in den USA Dealer aus den waffenfreundlichen Südstaaten in Richtung Norden, oft auf der Interstate 95. Sie biegen in Baltimore, Philadelphia oder New York ab und verkaufen ihre illegale Ladung auf den holprigen Straßen der Brennpunkte. Besonders viele Schusswaffen wurden 2020, zu Beginn der Pandemie inmitten steigender sozialer Angst und finanzieller Unsicherheit, gekauft. Laut der Agentur „Small Arms Analytics“ waren es 23 Millionen – 60 Prozent mehr als 2019.
Präsident Biden scheint dem Problem ein Stück weit machtlos gegenüberzustehen. Zuletzt hatte er bei seiner Ansprache zur Lage der Nation mit dem Finger auf die Abgeordneten gezeigt und gesagt: „Ich fordere den Kongress auf, bewährte Maßnahmen zur Verringerung der Waffengewalt zu verabschieden.“ Er will Schmuggelrouten trocken legen und wettert gegen die mächtige US-Waffenlobby. Sie habe ihr Geschäft zur einzigen Industrie gemacht, die nicht verklagt werden kann. „Stellen Sie sich vor, wir hätten das so mit den Zigarettenherstellern gemacht, wo zum Teufel wären wir?“, meinte er neulich in New York. Passiert ist trotzdem: wenig.
In den betroffenen Stadtteilen in Chicago, Washington oder New York sollen nach dem Willen der Regierenden mehr Polizisten für Beruhigung sorgen. Doch dort, wo viele Bewohner Rassismuserfahrungen gemacht haben, ist das Misstrauen gegenüber Beamten nicht erst seit der „Black Lives Matter“-Proteste groß. Eine einfache Lösung gibt es nicht. B. SCHWINGHAMMER