Der rätselhafte Tod der Oligarchen

von Redaktion

Mehrere superreiche Russen sind in den vergangenen Monaten gestorben – Zufall oder Rache für Verrat?

München – Alles nur Zufall? Oder Rache an Oligarchen, die Wladimir Putins Kriegspläne ans Ausland verraten haben? In den letzten drei Monaten kamen sieben russische Superreiche auf rätselhafte Weise ums Leben. Die russischen Medien gehen von Selbstmord oder tragischen Unfällen aus.

Doch an dieser Erklärung gibt es erhebliche Zweifel. Etwa im Fall von Sergej Protosenja, Top-Manager beim Energieunternehmen Novatek. Am 19. April wurde der 55-jährige Oligarch erhängt im Garten seiner Ferien-Villa in der Nähe des spanischen Lloret de Mar aufgefunden. Seine Frau und seine 18-jährige Tochter waren ebenfalls tot – erstochen.

Ein erweiterter Selbstmord – so die offizielle Theorie. Doch an der Kleidung Protosenjas gab es keine Blutspuren, obwohl seine Frau und seine Tochter blutüberströmt waren. Auf dem Messer und der Axt, die neben Protosenja lagen, wurden keine Fingerabdrücke gefunden, berichtet der Sender Telecinco. Sein Sohn sagte der „Daily Mail“: „Mein Vater ist kein Mörder!“

Ein weiterer rätselhafter „erweiterter Selbstmord“ ereignete sich einen Tag vorher, am 18. April, in Moskau: Ex-Gazprom-Vizepräsident Vladislav Avayev lag erschossen neben seiner Frau und seiner 13-jährigen Tochter. Laut russischer Darstellung soll Avayev seine Familie und dann sich selbst getötet haben.

„Vielleicht wusste mein Kollege zu viel und stellte deswegen eine Gefahr dar“, sagt Igor Wolobujew, ebenfalls ein Ex-Gazprom-Vizepräsident, der in die Ukraine geflohen ist und jetzt gegen Russland kämpft. „Es ist schwer zu glauben, dass Avayev seine 13-jährige Tochter und seine Frau erschossen und Selbstmord begangen hat. Meiner Meinung nach ist dies ein inszenierter Selbstmord.“

Und die Reihe der seltsamen Todesfälle lässt sich fortsetzen. Andreij Krukowski (37), Direktor des Skiressorts Krasnaja Poljana, starb bei einer Wanderung – angeblich stürzte er von einer Klippe. Pharmaunternehmer Wassili Melnikow, seine Frau und zwei Kinder (10 und 4) wurden tot in der Familien-Datscha in der Nähe von Nischni Nowgorod aufgefunden. Offizielle Version auch hier: erweiterter Selbstmord.

Bereits im Februar wurde im britischen Surrey Mikhail Watford, dessen Nachname ursprünglich Tolstosheja lautete, erhängt in seiner Garage aufgefunden. Der 66-Jährige hatte mit Ölraffinerien in der Ukraine ein Vermögen gemacht. Unter ähnlichen Umständen starben kurz zuvor der Vize-Generaldirektor von Gazprom, Alexander Tjuljakov (61) und Leonid Shulman (60), Transportleiter bei Gazprom-Invest.

Der schwedische Kreml-Experte und Wirtschaftswissenschaftler Anders Aslund erklärte gegenüber der „New York Post“, er habe aus Kreml-Quellen erfahren, dass der russische Geheimdienst Ende 2021 und Anfang März dieses Jahres zwei Listen mit den Namen von Führungskräften in der Energiebranche des Landes erstellt habe. Hintergrund sei der Verdacht, dass jemand in der Branche Informationen über die Finanzierung geheimer Operationen des russischen Auslandsgeheimdienstes – einschließlich der Invasion in der Ukraine – habe durchsickern lassen. KLAUS RIMPEL

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