München – Vergangene Woche stand Martin Huber am Rednerpult des Landtags. Er antwortete auf SPD-Fraktionschef Florian von Brunn, der ein Gesetz zur Förderung eines sozialen Klimaschutzes vorgelegt hatte. „Wo ist bei der SPD die soziale Gerechtigkeit, wenn sie konkret etwas dafür tun kann?“, fragte er mit Blick auf die Ampel in Berlin. Das Einzige, was Olaf Scholz führen könne, seien Strichlisten und Tagebücher. Kein rhetorisches Feuerwerk, aber immerhin: klare Kante. Die Regierungsbank hinter ihm war zwar verwaist, aber irgendwer muss Markus Söder auf diese Rede angesprochen haben. Am Freitag jedenfalls lobt der CSU-Chef den kämpferischen Auftritt des Landtagsabgeordneten – und macht ihn gleich zum CSU-Generalsekretär.
So endet eine denkbar schlechte Woche für die CSU mit einer faustdicken Überraschung. In den Spekulationen über die Nachfolge für den zurückgetretenen Stephan Mayer hatte Huber quasi keine Rolle gespielt. Zumal es intern immer hieß, man brauche jemanden mit Erfahrung – strategisch, inhaltlich, Talkshow-tauglich. Der 44-jährige Huber aber war von Söder erst im Februar gemeinsam mit seinem Kollegen Gerhard Hopp mit der Erarbeitung des neuen Grundsatzprogramms beauftragt worden. „Pfiffige junge Leute“ seien das, sagte der Parteichef ein wenig großväterlich.
Jetzt muss Huber seinen Pfiff in der ersten Reihe beweisen. Immerhin: In der Landesleitung kennt sich der gebürtige Mühldorfer, der bereits mit 16 in die CSU eintrat, bestens aus. Schon als Werkstudent arbeitete er im Franz-Josef-Strauß-Haus, später dann hauptberuflich. Parteichef Erwin Huber machte ihn zu seinem persönlichen Referenten. Er sei ihm damals durch Ideenreichtum und Engagement aufgefallen, sagt Erwin Huber heute über den jungen Namensvetter. Ein nachdenklicher, sensibler Typ. „Kein so Haudrauf wie der alte Huber“, sagt Erwin und lacht. Wirklich bemerkenswert: Horst Seehofer, sonst weiß Gott kein Fan der Entscheidungen seines Vorgängers, übernahm den jungen Mann. Fünf Jahre lang blieb Martin Huber treu an Seehofers Seite – bis er 2013 selbst in den Landtag einzog.
Bei seiner Vorstellung am Freitag sagt Huber, was man eben so sagt bei solchen Anlässen. „Große Ehre“, „Hingabe“ und „Leidenschaft“. Wer aber genau hinhört, der erkennt auch die Verwerfungen, die es zu bearbeiten gilt. Es gehe darum, die Partei „zu beleben“. Nach dem Machtverlust in Berlin sei man in einer „Phase, wo wir uns neu aufstellen und sortieren können“. Helfen könnten Huber dabei die Erkenntnisse seiner Magisterarbeit: „Bundestagswahlkämpfe der CDU/CSU als Oppositionsparteien“.
Man müsse die Basis wieder stärker einbeziehen, sagt er und verweist auf Corona. „Wir haben große Brüche in der Gesellschaft.“ Gerade im Süden des Freistaats gibt es noch schwere Verwerfungen wegen der lange strikten Corona-Politik. Hier, wo die CSU oft weit über 50 Prozent lag, ist die Impfskepsis besonders ausgeprägt. Um bei der Landtagswahl im nächsten Herbst mehr als die derzeit in Umfragen gemessenen 38 Prozent zu erreichen, muss die CSU viel Basisarbeit verrichten. Auch deshalb war es Söder so wichtig, dass auch der neue Generalsekretär aus dieser Gegend kommt.
Huber gilt als ausgewiesener Umweltpolitiker. Schon nach der Landtagswahl 2018 wurde er als Fachminister gehandelt – doch das Ressort fiel an die Freien Wähler. Manche zweifeln, ob er für das Amt des Generalsekretärs genügend Generalist ist.
Allgemein wurde eher mit Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber gerechnet, die aber in der Oberbayern-CSU nicht nur Freunde hat. Besonders das Verhältnis zu Ilse Aigner gilt als schwierig. Aufmerksam registrierte die Partei, dass Aigner verkündete, es müsse nicht unbedingt eine Frau Generalsekretärin werden. Söder soll über solche öffentlichen Ratschläge ziemlich sauer gewesen sein. Letztlich entschied er anders, weil er das Kabinett nicht noch einmal umbilden wollte. Eine neue Agrarministerin war nicht in Sicht. Zudem hätte auch der Landtag noch einmal über den Mayer-Skandal diskutieren können.
So aber beobachtet die Opposition die Rochade eher gelassen. „Wer erwartet, dass dieser erneute Personalwechsel die bayerische Politik verändert, hat Markus Söder nicht verstanden“, sagt Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann. „Im Ego-System Söder gibt es nur Befehlsempfänger.“ Und sein FDP-Kollege Martin Hagen witzelt über Hubers treue Dienste ausgerechnet für Söders Erzfeind Horst Seehofer. „Das nennt man wohl Ironie der Geschichte.“