Vor dem 9. Mai

Kleine Kratzer im Kreml

von Redaktion

SEBASTIAN HORSCH

Man kann nur mutmaßen, was am Montag in Moskau geschieht. Wird Wladimir Putin seinen Krieg in der Ukraine weiter eskalieren, indem er bei den Feierlichkeiten zum Sieg über Hitler-Deutschland die Generalmobilmachung ausruft? Wird er völkerrechtswidrig ukrainische Kriegsgefangene vorführen? Oder belässt er es beim Verkünden angeblicher Erfolge und der üblichen Militär-Protz-Show, die man aus den Vorjahren kennt?

Doch was auch passiert, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Mann im Kreml wohl nicht so siegessicher in die Zukunft blickt, wie er es die Welt glauben lassen will. Allein, dass Putin sich offenbar für die antisemitischen Äußerungen seines mächtigen Außenministers Sergej Lawrow bei Israels Ministerpräsident Naftali Bennett entschuldigt hat, deutet drauf hin, dass auch ihm so langsam mulmig werden könnte bei dem Gedanken, mit wem es sich Russland alles verscherzt. Aufmerken lässt zudem, dass selbst Putins sonst bedingungslos loyaler Vasall in Minsk, der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko, plötzlich andere Töne anschlägt. Er habe das Gefühl, die „Spezialoperation“ in der Ukraine ziehe sich in die Länge, sagte Lukaschenko in einem Interview.

Keine Illusionen: Nach allem, was bekannt ist, dürfte Putin in Moskau noch immer fest im Sattel sitzen. Doch dass Lukaschenko sich traut, der Darstellung des „großen Bruders“ zu widersprechen, zeigt auch, dass dessen unumstrittene Stellung an jedem Tag ein kleines bisschen bröckelt, an dem es für ihn in der Ukraine schlecht läuft.

Sebastian.Horsch@ovb.net

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