Das große Buhlen um Günther

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER UND MIKE SCHIER

Kiel/München – Der Ministerpräsident hat wahrscheinlich schon ein paar Pils intus, er hüpft wie ein Tanzbär durch seine Wahlparty. „Mach den Hub, Hub, Hub!“, singt Daniel Günther immer wieder, der Refrain für den Partyschlager „Helikopter 117“. Sonntagnacht in Kiel, dokumentiert von einem Kamerateam des NDR: So ausgelassen sah man Unionspolitiker schon lange nicht mehr feiern. Aber warum auch nicht: Günther, 48, hat den Hub gemacht, ein Senkrechtstart sogar beinahe bis zur absoluten Mehrheit.

Am Morgen danach sagt der CDU-Mann einem Reporter mit entwaffnender Offenheit, er sei wohl noch nicht wieder vollständig nüchtern. Der Alltag holt ihn allerdings schnell ein. Denn ab sofort suchen auffällig viele Politiker die Nähe des Regenten in Schleswig-Holstein. Bereits auf der „Hub, Hub“-Party gesellen sich Landespolitiker von FDP und Grünen zu Günther auf die Tanzfläche. Kein Wunder: Ab jetzt entscheidet er, mit wem er die neue Landesregierung bilden will. Ihm fehlt für die Mehrheit nur ein einziges Mandat.

Die Nord-CDU, bisher in einer Jamaika-Koalition, braucht nun entweder die erstarkten Grünen (18,3 Prozent) oder die FDP (dramatisch auf 6,4 Prozent abgestützt). „Ich werde Gesprächsangebote an beide machen“, sagt Günther. Er legt sich auf keinen fest, will wohl pokern. Nächste Woche Dienstag wolle er am Vormittag mit den Grünen reden und dann am Nachmittag mit der FDP. Die Grünen werben, sie seien „der Motor der bisherigen Landesregierung“ – und drohen gleichzeitig andernfalls mit beinharter Opposition. Die Liberalen, die bisher Wirtschafts- und Gesundheitsressort führen, locken Günther mit der Aussicht auf viel größeren inhaltlichen Konsens. Theoretisch denkbar wären auch Zweierbündnisse mit der SPD (16,0 Prozent) oder dem Südschleswigschen Wählerverband SSW (5,7). Beides gilt als unwahrscheinlich.

Nun sucht auch die CDU im Bund den Rat Günthers. Von „Rückenwind“ für die gesamte Partei spricht der Vorsitzende Friedrich Merz, der sich sonst kaum zum linksliberalen Teil der Union zählt. Günther nutzt seinen historischen Wahlerfolg aber, um Empfehlungen in alle Landesverbände zu geben, unter anderem für eine Frauenquote. Die CDU habe ihre Liste paritätisch mit Männern und Frauen besetzt, auf ihr seien Jung und Alt vertreten gewesen. „Das zeigt: Eine CDU, die sich modern aufstellt, klare Themen auch an der Stelle vertritt, hat eben alle Chancen, auch solche Ergebnisse zu erzielen.“

Interessant: Bisher zählte Merz zu den erklärten Quoten-Gegnern in seiner Partei. Am Montag äußert er sich deutlich vager. „Das Thema Diversität in der personellen Darstellung der Union“ bespreche man jetzt, sagt der Sauerländer. Eine Entscheidung falle auf dem Parteitag Anfang September. Merz: „Mir kommt es aufs Ergebnis an, nicht auf den Weg.“

Demonstrativ begibt sich auch Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen in die Nähe des Wahlsiegers. Der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl an diesem Sonntag trifft Günther zum gemeinsamen Frühstück. Für die Kameras schreiten beide Ministerpräsidenten gemeinsam zur Sitzung des CDU-Vorstands. So ein klarer Regierungsauftrag sei „ein gutes Zeichen für Wüst“, sagen seine Vertrauten. Jedenfalls ein besseres als die Landtagswahl im Saarland im März, bei der die SPD die absolute Mehrheit holte und die CDU aus der Regierung jagte. Günthers Vorteil ist allerdings die im Land höhere Popularität.

Sogar im fernen Bayern tummeln sich plötzlich lauter Günther-Fans. Das Verhältnis der Christsozialen zum liberalen Norddeutschen ist eigentlich angespannt, seit Günther nach der letzten Bayern-Wahl die „brachiale Art der CSU“ für hoffnungslos veraltet erklärt hatte. Jetzt preist Markus Söder einen „tollen persönlichen Erfolg“. Der neue Generalsekretär Martin Huber analysiert: „Seine hohe Akzeptanz war ausschlaggebend für den Erfolg.“ 43,4 Prozent bekam Günther. Um die CSU derzeit auf eine solche Zahl zu hieven, bräuchte Söder schon einen Hubschrauber.  (mit afp/dpa)

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