Berlin – Um die russische Invasion in die Ukraine zu rechtfertigen und deutsche Politiker in ein schlechtes Licht zu rücken, werden in sozialen Netzwerken Amtsträgern Verwandte mit Nazi-Vergangenheit angedichtet. Auf Bildkombinationen, die in Netzwerken kursieren, sind etwa Gesundheitsminister Karl Lauterbach oder Kanzler Olaf Scholz neben Mitgliedern der SS zu sehen. Behauptet wird, die abgebildeten Nationalsozialisten seien die Großväter der Politiker.
Ziel der verbreiteten Bilder sei nicht nur, Politiker zu diskreditieren. Es gehe auch darum, die Argumentation zu stützen, mit der Moskau seinen Überfall auf die Ukraine zu rechtfertigen versucht, erklärt Politikwissenschaftler Josef Holnburger.
Massiv verbreitet wurden die Bildkombinationen über den Messenger Telegram, wo sie alleine auf einem pro-russischen, deutschsprachigen Kanal fast 290 000 Mal aufgerufen wurden. Damit werde die Kriegspropaganda der russischen Regierung aufgegriffen und weitergedreht, so der Politikwissenschaftler. Eine angebliche Entnazifizierung müsse demnach „nicht nur in der Ukraine, sondern sogar in ganz Europa erfolgen“. Durch den vermeintlichen NS-Bezug würden die Politiker verunglimpft. Ein Verbreiter der Bilder könne damit „die eigene Position umso mehr als das vermeintlich Gute darstellen“.
Diese Politiker sind betroffen:
Karl Lauterbach: Dem Gesundheitsminister wird nachgesagt, sein Großvater sei in der SS gewesen. „Das ist nicht sein Großvater“, sagt ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums zu kursierenden Bildern. Der vermeintliche Großvater heißt gar nicht Lauterbach, auf dem Bild neben dem Gesundheitsminister ist Hartmann Lauterbacher zu sehen, Stabsführer und stellvertretender Reichsjugendführer der Hitler-Jugend.
Christian Lindner: Eine weitere Bildkombination zeigt eine ältere Aufnahme des Finanzministers Christian Lindner neben Gerhard Lindner. Der war im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht und im Führungsstab einer SS-Division tätig. Er wird als Großvater des Finanzministers dargestellt. Ein Sprecher des Ministeriums erklärte, dass die beiden nicht verwandt seien. Gerhard Lindner wurde 1896 in Bautzen (Sachsen) geboren und starb 1982 im niedersächsischen Aurich. Christian Lindner kam am 7. Januar 1979 in Wuppertal (Nordrhein-Westfalen) zur Welt, wo seine Großeltern väterlicherseits eine Bäckerei hatten.
Olaf Scholz: Der Bundeskanzler ist in einer Bildkombination zusammen mit Fritz von Scholz zu sehen, Generalleutnant der Waffen-SS. Auf Anfrage, ob dieser der Großvater von Olaf Scholz sei, teilte das Bundespresseamt mit: „Das ist völliger Unsinn.“ Aus Unterlagen im Bundesarchiv geht zudem hervor: Fritz von Scholz starb am 28. Juli 1944 und hinterließ keine Kinder. Er wurde in Pilsen (heute Tschechien) geboren und lebte am Wörthersee. Die Großeltern von Olaf Scholz stammen hingegen aus Hamburg.
Ursula von der Leyen: Im Fall der EU-Kommissionspräsidentin gibt es zwar tatsächlich einen mit ihrem Großvater namensgleichen SS-Mann: Karl Albrecht wurde nach Kriegsende wegen NS-Verbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt. Von der Leyens Großvater ist aber der 1902 geborene Karl (teils auch: Carl) Eduard Albrecht, der einer einflussreichen norddeutschen Familie entstammt. Albrecht studierte in den 1920ern Medizin und arbeitete zu Kriegszeiten als Arzt. Belege für eine SS-Mitgliedschaft gibt es nicht.