Rede des Kreml-Chefs zum 9. Mai

Putin eskaliert nicht, aber deeskaliert er?

von Redaktion

GEORG ANASTASIADIS

Putin liebt es, das Unerwartete zu tun, sich als Meister der Überraschung zu inszenieren. Es gehört zum Mythos des Mannes, der zu allem fähig sein will und seine Gegner dadurch in Angst versetzt. So gesehen ist sich der Kreml-Chef bei seiner Propagandashow am 9. Mai treu geblieben: kein Wort von der Ausrufung des „totalen Krieges“ oder der Generalmobilmachung, die die selbst ernannte deutsche „Friedensfraktion“ um Alice Schwarzer schon für ausgemachte Sache gehalten hatte. Stattdessen tischte er seinen Russen wieder das Märchen von den Nazis in der Ukraine auf, die es zu besiegen gelte wie Hitler-Deutschland.

Putin muss nicht mehr mobilmachen – sein Ziel, Teile der westlichen Gesellschaften in Panik zu versetzen und kapitulationsbereit zu stimmen, hat er, gerade in Deutschland, schon erreicht. Doch ist Putins Verzicht auf eine weitere Eskalation wirklich bereits als dessen Gegenteil zu deuten, als Zeichen der Deeskalation? Sucht er nach einem Ausweg aus einer für ihn immer verfahreneren Lage? Klar ist: Russland befindet sich im Donbass in einem für den Präsidenten gefährlichen Abnutzungskrieg ohne nennenswerte Geländegewinne. Zum für ihn enttäuschenden Kriegsverlauf passt sein bei der Moskauer Siegesparade präsentiertes neues Narrativ vom Präventivschlag, mit dem der Kremlchef seinen brutalen Überfall zum gerechten Defensivkrieg gegen die Nato umetikettierte, die angeblich kurz vor der Invasion Russlands gestanden habe. Das dient der Rechtfertigung der sogenannten „Sonderaktion“ im Inneren, doch könnte Putin einen späteren friedensvertraglichen Verzicht Kiews auf einen Natobeitritt seinen Landsleuten auch gut als Kriegstrophäe präsentieren. Interessant war, dass Putin seinen Anspruch auf die gesamte Ukraine gestern nicht erneuerte. So oder so: Der Westen sollte auf neue Überraschungen gefasst sein und sich vor Illusionen hüten.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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