Bochum – Die Zeiten, in denen im Bochumer Stadtbezirk Wattenscheid Erstliga-Fußball gespielt wurde, sind lange vorbei. Erstklassig ist hier mitten im Ruhrgebiet vieles nicht. Das fängt beim Bahnhof an, der zum Haltepunkt zurückgebaut wurde – ohne öffentliche Toilette. Für Farbe im Bahnumfeld sorgen derzeit nur die Plakate der SPD. Auf ihnen verspricht Spitzenkandidat Thomas Kutschaty 100 000 neue Wohnungen pro Jahr, mehr Lehrkräfte sowie gute und sichere Arbeit der Zukunft. Der 53-Jährige ist bundespolitisch eher unbekannt. Zwischen 2010 und 2017 war er in der Landesregierung von Hannelore Kraft Justizminister.
Der Termin in Wattenscheid ist wie gemalt für den Kandidaten. Auf Einladung eines Landtagskollegen besucht Kutschaty eine Awo-Kindertagesstätte. Hier hört er von den Müttern das, was er als Oppositionschef im Landtag anprangert und als Regierungschef ändern will: Zu wenig Plätze im offenen Ganztagsbereich, zu hohe Kitagebühren, zu viel Bürokratie. Die rund 85 Kinder in der Kita haben 14 verschiedene Nationalitäten, zwei von drei haben einen Migrationshintergrund. Als zunehmendes Problem benennt die Kita-Leiterin, dass immer mehr Eltern keinen Job haben oder von ihrer Arbeit allein nicht leben können. Kutschaty, der selbst aus kleinen Verhältnissen in Essen kommt, hört sich alles an und spricht mit den Kindern – auch dann noch, wenn die Kamera des begleitenden Fernsehteams aus ist. Seine drei eigenen Kinder sind zwischen 15 und 26 Jahre alt.
Ja, für einen Sozialdemokraten, den seine Heimatzeitung im Ruhrgebiet im vergangenen Jahr als „linken Rebell“ adelte, ist es ein angenehmer Termin im Wahlkampf-Endspurt. Doch der frühere Rechtsanwalt kann auch ruppig. Im Landtag fielen seine Angriffe auf die Landesregierung in der ablaufenden Legislaturperiode teils so deftig aus, dass ihm der Fraktionschef der CDU mehrfach die Qualifikation fürs Amt des Regierungschefs absprach. Und auch wenn es gegen die eigenen Leute geht, ist Kutschaty nicht zimperlich. Erst gewann er den Machtkampf um den Fraktionsvorsitz gegen Marc Herter, heute Oberbürgermeister in Hamm, dann komplimentierte er den blassen SPD-Landeschef Sebastian Hartmann aus dem Amt. Klar ist: An Machtwillen und Machtinstinkt mangelt es Kutschaty nicht. ALEXANDER SCHÄFER