Düsseldorf – Hendrik Wüst setzt vor der Landtagswahl auf die Kinder. Der Ministerpräsident von NRW besuchte Schwimmkurse für die Kleinsten sowie eine Grundschule, und er traf sich öffentlichkeitswirksam mit seinen Ehrenpatenkindern im Zoo. In NRW übernimmt seit 2019 der Ministerpräsident bei Mehrlingsgeburten die Ehrenpatenschaft. Als Vater einer Tochter – geboren im vergangenen Jahr – gefällt sich der 46-Jährige in der Rolle des Landesvaters. Willkommener Nebeneffekt: Die Auftritte geben Wüst das, was Kinder im Gegensatz zu Politikern problemlos verkörpern: Authentizität. Mit der Echtheit ist das bei Spitzenpolitikern so eine Sache. Nicht selten wirken ihre Auftritte und Statements so glatt gebügelt wie ihre Anzüge.
Auch Wüst ist auf diesem Gebiet Perfektionist. Wer bei offiziellen Terminen auf überraschende Aussagen oder gar emotionale Ausbrüche des Ministerpräsidenten im Stile eines Armin Laschet hofft, kann lange warten. Wüst ist das Gegenteil seines Vorgängers, er ist gewissermaßen ein Anti-Laschet: Er spricht kontrolliert und sachlich, macht keine Witze an der falschen Stelle und beantwortet Fragen nicht vorschnell mit einem einfachen Ja oder Nein – die Antwort könnte ihm später ja mal auf die Füße fallen.
Am Sonntag entscheiden in Nordrhein-Westfalen rund 13 Millionen Wähler, wer Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland in den nächsten fünf Jahren regieren soll. Laut Umfragen liegen CDU und SPD nahe beieinander, die amtierende schwarz-gelbe Regierung hat keine Mehrheit. Wenige Tage vor der Wahl ist klar: Es wird spannend an Rhein und Ruhr. Bleibt Hendrik Wüst (CDU) Ministerpräsident oder wird SPD-Chef Thomas Kutschaty neuer Regierungschef? Diese Frage ist völlig offen. Sollten sich die Umfragen in etwa bewahrheiten, könnte es nach Schließung der Wahllokale bis zu fünf mögliche Konstellationen von Koalitionen geben: Schwarz-Grün, Rot-Grün, Ampel, Jamaika und die Große Koalition.
Wüst ist erst seit Oktober vergangenen Jahres im Amt, für einen Amtsbonus reichte das nicht. Da hilft auch die bemüht lautstarke Kritik an SPD-Kanzler Olaf Scholz – erst wegen der Corona-, dann wegen der Ukraine-Politik – nicht. Ein hoher CDU-Funktionär gab deshalb im kleinen Kreis die Parole für einen wüsten Wahlkampfendspurt aus: „Wir schicken den übers Land – wo und wann immer es geht.“
Natürlich wünscht sich CDU-Bundeschef Friedrich Merz weiter eine CDU-geführte Landesregierung in seiner Heimat, um im Bundesrat der Regierung von Olaf Scholz (SPD) Kontra geben zu können. Sollte es anders kommen, hat Merz ein Problem. Der Machtverlust am Rhein nach nur einer Legislaturperiode würde auch ihm angelastet. Der Sauerländer schließt vorsorglich Schwarz-Grün nicht aus. Für das Zweierbündnis zeichnet sich eine eigene Mehrheit ab.
Herausforderer Kutschaty setzt hingegen auf neue Mehrheiten im Land und will auch im Falle des zweiten Platzes bei der Landtagswahl versuchen, Ministerpräsident zu werden. Denn SPD, Grüne und FDP kommen in allen Umfragen zusammen locker auf über 50 Prozent und könnten selbst dann zusammen regieren, wenn die CDU am Wahlabend knapp vorne liegen sollte. „Natürlich. Das ist prinzipiell nichts Verbotenes“, sagte Kutschaty jüngst in einem Zeitungsinterview.
Nach Informationen unserer Zeitung gab es auch Gespräche zwischen ranghohen Vertretern von SPD und FDP, um eine Zusammenarbeit auszuloten. Sollte keine Koalition zwischen CDU und Grünen zustande kommen, stehen die Signale in Düsseldorf auf Ampel. Denn bei SPD und FDP geht man davon aus, dass der mehr links orientierte Landesverband der Grünen Nein sagen wird zur Alternative Jamaika, also einem Dreier-Bündnis mit CDU und FDP.