Ein Zittersieg für Hendrik Wüst

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Düsseldorf/München – Er hüpft nicht, er jubelt nicht, keine Sieger-Faust. Nur ein kleines, jungenhaftes Lächeln und ein bisschen Winken gönnt sich Hendrik Wüst, als er vor seine Parteifreunde tritt. Der CDU-Ministerpräsident hat die Wahl mathematisch klar gewonnen, er hat aus einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der SPD einen satten Vorsprung gemacht. Aber es kann sein, dass ihm das am Ende gar nichts bringt.

Denn Wüst weiß nach den Hochrechnungen nicht, ob er eine Regierung bilden kann. Das schwarz-gelbe Bündnis, das der 46-Jährige vor einem halben Jahr von Armin Laschet übernahm, ist abgewählt, weil die FDP dramatisch abstürzt. Die CDU muss sich einen neuen Partner suchen, voraussichtlich die Grünen. Nun ist ein schwarz-grünes Bündnis keine Sensation mehr, große andere Länder – Hessen, Baden-Württemberg – werden von diesen einst ideologisch gegenläufigen Parteien regiert. Doch Wüst hat null Garantie, ob die Grünen wollen – oder ob der in NRW eher linkere Landesverband sich als Juniorpartner zur SPD begibt, falls rechnerisch nötig, mit Unterstützung des kleinen verbliebenen Häufleins FDP.

Keine Klarheit also, sondern ein Zittersieg, Wert ungewiss. Wer Wüst genau zuhört, staunt: In seiner Siegesrede widmet er eine breite Passage der FDP, dankt, lobt, preist ihre Verlässlichkeit. Es klingt wie eine versteckte Bitte: Werft euch nicht der Ampel an die Brust!

Auch in Berlin beginnt der der Kampf um die Deutung schon um 18:05 Uhr. In der gesamten CDU wird die Parole ausgegeben, von einem „klaren Regierungsauftrag“ für Wüst zu sprechen. NRW wolle eine „verlässliche Regierung“, sagen die Mitarbeiter des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz. Für Merz ist es wichtig, dass die wichtigste Landtagswahl der Republik nicht als Niederlage für die CDU endet. Er stimmt sich deshalb eng mit Wüst ab. „Die CDU ist zurück“, sagt Merz schon am Wahlabend.

In Berlin stellt sich gleichzeitig Kevin Kühnert, der rhetorisch begabte SPD-Generalsekretär, vor jede erreichbare Kamera. Er hat die gegenteilige Botschaft: „Natürlich darf auch der Zweitplatzierte Verhandlungen führen“, sagt er, „es wäre kein Novum“. Kühnert erzählt von Hamburg 2001, als Ole von Beust (CDU) zehn Punkte hinter der SPD landete und trotzdem eine Dreier-Koalition schmiedete. Die Älteren erinnern sich: mit Schill-Partei und FDP.

Für die SPD geht es in NRW um mehr als um ein Ministerpräsidenten-Amt – es geht um die Frage, wie stabil Deutschland regiert werden kann. Falls Kutschaty es irgendwie schafft, hat die Ampel freie Fahrt im Bundesrat, die Union könnte da keine Projekte mehr stoppen. Für Kanzler Olaf Scholz ist NRW zudem natürlich eine Zwischenbilanz. Vergangene Woche in Schleswig-Holstein wurde die SPD dramatisch abgestraft, das sollte sich im Westen, wo er selbst plakatiert war und im Finale mehrfach auftrat, zumindest nicht wiederholen. Heute wird sich Scholz in Berlin dazu äußern müssen. Aus München kommt Häme. „Das Ergebnis ist auch ein Denkzettel für die Ampel“, twittert CSU-Chef Markus Söder.

Nun beginnt der Sondierungs-Poker. Man werde zuallererst mit den Grünen reden, heißt es aus der CDU. Wüst betont, wie wichtig ihm Klimaschutz sei, „die größte Herausforderung unserer Generation“. Viele andere Optionen hat er allerdings nicht, nur theoretisch eine GroKo mit der SPD. Dass die enorm erstarkten Grünen gar nicht in der Regierung ankommen, ist aber unwahrscheinlich. Eher werden sie sich möglichst teuer und spät an einen der Partner binden.

SPD-Spitzenkandidat Thomas Kutschaty (53) bemüht sich am Abend bereits, „große Schnittmengen“ zu den Grünen hervorzuheben. Eine „fortschrittliche Regierung“ sei miteinander drin, so wie in seiner Zeit als Justizminister bei Rot-Grün ab 2010. Er tritt aber demonstrativ uneitel auf, auch er verzichtet am Abend auf große Gesten. „Gelassen bleiben“, rät er. Seinen Parteifreunden auf der Wahlparty, die ihn teils tapfer, teils freudig beklatschen, ruft er zu: „Das tut verdammt gut. Herzlichen Dank für eure Aufmunterung.“

Artikel 7 von 11