Katholikentag in Stuttgart

Die Krise ist offensichtlich

von Redaktion

CLAUDIA MÖLLERS

Katholikentage waren früher meistens bunte, muntere Treffen, auf denen die Generationen und die Vertreter der unterschiedlichen Strömungen leidenschaftlich miteinander stritten, aber auch gemeinsam feierten und sangen. Politiker (fast) aller Parteien stürmten die Podien und stellten sich den Diskussionen. Diese fünf Tage schenkten den Teilnehmern oftmals das Gefühl, dass sie trotz aller Unterschiede im Glauben verbunden sind und eine gesellschaftlich wichtige Stimme haben.

2018 noch kamen in Münster 90 000 Menschen unter dem Motto „Suche Frieden“ zusammen. Davon ist der Katholikentag 2022 in Stuttgart weit entfernt. Maximal 30 000 Menschen – wohlmeinend geschätzt – sind an den Neckar gekommen. 19 000 Dauerteilnehmer. Das ist erschreckend. Dieser Absturz lässt sich nicht auf die Pandemie allein schieben. Wer es bislang nicht wahrhaben wollte, der muss sich seit Stuttgart eingestehen: Die katholische Kirche in Deutschland steckt in einer tiefen Krise. Sie hat ihre Anziehungskraft verloren, weil viele Menschen müde geworden sind, sich auf weiteren Diskussionsrunden und Dialogveranstaltungen im Kreis zu drehen und Fragen zu diskutieren, die seit Jahrzehnten ungelöst sind. Nun ist die Kirche nicht für Katholikentage da, und sie wird auch ohne dieses Treffen der Gläubigen auskommen. Aber sie wird immer kleiner, gesellschaftlich und politisch unbedeutender. Dabei wird sie in Krisenzeiten mehr gebraucht denn je.

Claudia.Moellers@ovb.net

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