Söder fehlt unter den Gratulanten Webers

von Redaktion

Der CSU-Chef reist noch vor der Kür des Parteifreunds zum EVP-Chef aus Rotterdam ab

Rotterdam – Nachdem das Ergebnis verkündet ist, kommen sie alle zu Manfred Weber. Es ist Dienstagabend, kurz vor 21 Uhr. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gratuliert dem CSU-Politiker, der hier in Rotterdam gerade zum Chef der EVP gewählt wurde – der Dachorganisation der Konservativen in der EU. Auch CDU-Chef Friedrich Merz ergreift die Hand des Niederbayern. So wie dutzende Delegierte und konservative Regierungschefs aus ganz Europa. Einer aber fehlt. Markus Söder. Dabei war er da, hielt sogar eine kurze Rede.

Doch wohl irgendwann zwischen 18 und 19 Uhr – also zwei bis drei Stunden vor der Bekanntgabe des Ergebnisses – muss Söder dem Vernehmen nach die Ahoy-Arena in Richtung Flughafen verlassen haben. Gemeinsam mit einem Teil der Delegation aus Bayern fliegt er zurück nach München. In Rotterdam sind einige sichtlich irritiert.

Es ist eine Aktion, die auffällt – auch, weil die CSU für die Reise offenbar sogar einen Privatjet organisiert hatte. Vor allem aber, weil bei Webers Triumph somit nicht nur Parteichef Söder fehlte. Auch beide Generalsekretäre Martin Huber und Stellvertreterin Tanja Schorer-Dremel sowie Europaministerin Melanie Huml waren mit ihrem Chef bereits abgereist und verpassten so auch den zweiten Tag des EVP-Treffens. Immerhin die Bundestagsfraktion hielt mit Landesgruppenchef Alexander Dobrindt und Europa-Sprecher Florian Hahn am Dienstagabend noch die CSU-Fahne hoch. Auch andere, weniger prominente CSU-Delegierte waren geblieben.

Die Irritationen über die Abreise gibt es auch deshalb, weil das Verhältnis zwischen Söder und Weber keineswegs als ungetrübt gilt, auch wenn sich beide zuletzt bemühten, die Differenzen nach außen klein zu halten. Aber Söder, der Draufgänger, und Weber, der Introvertierte, kamen schon zu JU-Zeiten nicht richtig zusammen. Bis 2003 führte Söder den Nachwuchsverband, danach übernahm Weber. Im Lauf der Jahre gab es immer wieder Meinungsverschiedenheiten über die strategische Ausrichtung – beispielsweise den richtigen Umgang mit der Flüchtlingsthematik und der AfD. Söder wollte (wie Horst Seehofer) die konservative Basis bedienen, Weber pochte auf einen liberaleren Kurs. Nach mehreren schwachen Wahlergebnissen setzte sich Webers Linie in der CSU durch.

Seitdem bemühen sich beide um Geschlossenheit. Als Weber bei der EU-Wahl 2019 Spitzenkandidat der EVP für ganz Europa wurde, zeigte sich Söder sehr solidarisch. Gemeinsam ärgerte man sich, als Weber bei der Besetzung des Kommissionspräsidenten ausgebootet wurde und Ursula von der Leyen das Amt bekam.

Mit Webers Aufstieg an die EVP-Spitze könnte das Verhältnis in eine neue Phase treten. Zum einen, weil Weber als potenzieller Nachfolger Söders genannt wird. Zum anderen dürften dem machtbewussten Franken Überschriften wie „Weber wird jetzt Söders Chef“ („Welt“) nicht gefallen.

Doch warum fliegt Söder zur Wahl nach Rotterdam und reist dann vorzeitig wieder ab? „Aus terminlichen Gründen musste die Delegation noch am Dienstagabend zurück nach München“, erklärte ein Parteisprecher auf Anfrage. „Eine Rückreise – wie ursprünglich geplant – nach Verkündung des Wahlergebnisses wäre nicht mehr möglich gewesen, da es zeitlich etliche Verspätungen vor Ort gab.“ SEBASTIAN HORSCH

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