Es ist ein Unglück aus dem Nichts. Auf der beschaulichen, eingleisigen Strecke in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen ist am Freitagmittag ein Regionalzug verunglückt. Defekt? Menschliches Versagen? Sabotage vor dem G7-Gipfel? Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat bisher keine Hinweise auf einen mutwilligen Angriff. Wir haben am Montag mit ihm telefoniert.
Aichach, Schäftlarn, Garmisch – warum wieder ein Bahn-Unglück in Bayern?
So ein Unglück macht uns alle sehr betroffen, egal in welchem Land. Ich weiß nicht, ob es da eine Häufung gibt.
Haben wir im Flächenland Bayern die Nebenstrecken vernachlässigt? Zu viel Geld in ICE und Stammstrecke gepackt?
Es macht keinen Sinn, darüber zu spekulieren, solange wir die Ursache nicht kennen. Staatsanwälte, Kriminalpolizei und die Experten vom Eisenbahn-Bundesamt untersuchen jetzt gründlich jedes Detail am Unglücksort. Die Drehgestelle der Waggons sind sichergestellt. Die Schienen und Schwellen werden genau untersucht, vielleicht auch von der Staatsanwaltschaft noch beschlagnahmt. Lassen wir die Profis ihre Arbeit machen, bevor wir vorschnelle Schlüsse ziehen.
Kurz vor dem G7-Gipfel, ein paar Kilometer entfernt, liegt ein Verdacht nahe: Sabotage. Schließen Sie das wirklich aus?
Ein solcher Verdacht ist zunächst nicht abwegig und wäre extrem folgenschwer. Auch deshalb bin ich sofort zum Unglücksort geflogen. Nach allem, was ich weiß, gibt es bisher aber keinerlei Hinweise auf eine Sabotage von Schienen oder Gleisbett.
Wird die Strecke bis zum Gipfel Ende Juni wieder befahrbar sein?
Schwer zu sagen. Wagen 2, 3 und 4 sind mit Kränen geborgen worden, werden teils auseinandergeschnitten und in der Nähe gelagert, wo die Experten sie untersuchen. Der erste Waggon kann vielleicht mit einem Bergezug nach Pasing gebracht werden. Lok und fünfter Wagen sind eventuell noch fahrtüchtig. Dann wäre die Strecke frei, allerdings ist auch das Gleisbett schwer beschädigt und die Oberleitung an dieser Stelle komplett zerstört. Das Teilstück Garmisch–Mittenwald wird während des Gipfels wieder gesperrt. Aber wir haben die Bahnstrecke von München bis Garmisch eingeplant für Transporte zum G7-Gipfel – ich weiß nicht, ob sie zur Verfügung stehen wird.
Unter den fünf Toten sollen zwei Ukrainerinnen sein, die vor dem Krieg geflüchtet sind. Stimmt das?
Ja, das ist leider richtig. Zwei ukrainische Frauen, die mit ihren Kindern vor dem Krieg geflüchtet sind und in der Region Aufnahme gefunden haben, sind im Zug ums Leben gekommen. Das Auswärtige Amt ist eingeschaltet, um die Verwandten in der Ukraine zu benachrichtigen.
Sehr viele Helfer waren sehr schnell am Unglücksort. Glück im Unglück?
Tatsächlich waren wegen der Vorbereitung auf den G7-Gipfel schon weit mehr Polizisten in der Region als üblich. Sie haben sofort mit angepackt. Soweit ich das beurteilen kann, ist der gesamte Einsatz vorbildlich gelaufen. Wir hatten innerhalb kürzester Zeit 500 Einsatzkräfte am Bahndamm, vor allem Feuerwehrler und Rettungssanitäter, darunter 17 Notärzte. Wir haben mit mehreren Rettungshubschraubern pausenlos die Schwerverletzten in alle umliegenden Krankenhäuser – Garmisch, Murnau, auch nach Österreich – geflogen. Das war eine sehr starke Präsenz, gerade auch getragen von Ehrenamtlichen. Dazu kommt, dass im Zug 15 Soldaten waren, die eigentlich von ihrer Kaserne nach Hause ins Wochenende fahren wollten.
Waren die Gebirgsjäger ein Faktor bei der schnellen Bergung?
Ja, für die Bergung waren die Soldaten im Zug offenbar eine große Hilfe. Mehrere Rettungssanitäter und Feuerwehrleute haben mir geschildert, dass die Soldaten von innen die Fenster des umgestürzten Zuges durchschlagen haben. Sie haben Verletzte erstversorgt und durch die Fenster nach draußen gebracht, bevor die ersten Rettungskräfte von außen im Zug waren. Wir werden uns als Staatsregierung zu gegebener Zeit sicher noch bei allen Helfern angemessen bedanken.
Interview: C. Deutschländer