Berlin/München – Der Abend beginnt unscheinbar, fast scheu. Angela Merkel tritt hinter dem Vorhang hervor, sie grüßt distanziert, Faust an Faust. Dann weiß sie nicht, auf welchen der zwei schlichten, grauen Stühle sie sich setzen soll. Sie zögert, guckt fragend, nimmt schließlich den Linken, wird schon passen. Was wird das? Ein verdruckster, verlegener Abend?
Einige Minuten später erst löst sich die Verspannung auf der Bühne. Vielleicht braucht es diese Zeit, denn es ist ein außergewöhnlicher Auftritt. Zum ersten Mal seit ihrem Rückzug äußert sich die Bundeskanzlerin a. D., 67 Jahre alt, ausführlich über die Politik. In aberwitzigen Zeiten, die Corona-Pandemie vorerst halbwegs überstanden, ein neuer Krieg in Europa ausgebrochen, eine Wirtschaftskrise drohend, soll sie im Zwiegespräch mit einem bekannten Journalisten auf die Lage blicken. Eine Zeit, so sagt sie es, „von Bekümmernis und Beklommenheit“.
Merkel stellt sich den Fragen des Buch- und Spiegel-Autors Alexander Osang. Manchmal sind es auch sonderliche Fragebandwürmer, er ist wohl recht aufgeregt. Aber, was viel wichtiger ist: Sie antwortet. Offener als in vielen Gesprächen ihrer 16-jährigen Amtszeit.
Ein bisschen, dosiert, lässt sie Blicke ins Altkanzlerleben zu. „Mehr Bewegung, mehr lesen“, hat sie sich privat verordnet, vor allem letztes: „So’n richtig dickes Buch – ich wusste gar nicht mehr, wie das ist. Ich hatte ja immer Termine, Termine, Termine.“ Es sei nicht so, dass sie nun verschwunden sei, aber sie suche nun Abstand und nehme sich nun eben auch Zeit, sich zu erholen. Für einen fünfwöchigen Urlaub in Italien, für Zeit an der Ostsee und in der Uckermark.
Merkel spricht jetzt auch über die Zitteranfälle vom Ende ihrer Amtszeit. „Es hatte mit zwei Dingen zu tun“, sagt sie: „Ich war sehr erschöpft nach dem Tod meiner Mutter.“ Und sie habe zu wenig getrunken. Schließlich habe sich daraus „eine Art Angst“ entwickelt, im Stehen wieder zu zittern. immer im Visier der Medien, „diese Teleobjektive auf einen gerichtet“. Für die legendär verschlossene Merkel sind das bemerkenswert offene, persönliche Worte.
Und trotzdem ist es nicht der Kern des Frage-Abends im Berliner Ensemble. Im politischen Zentrum steht ihre Haltung zu Russland, zur Ukraine, und darüber die Frage: Hat sie als Kanzlerin in diesem Außenpolitik-Feld versagt, sich von Wladimir Putin blenden lassen? Hier bleibt sie im Ungefähren, wechselt ins verschleiernde Passiv oder in „Man“-Formeln. „Hätte man das verhindern können?“, fragt sie also. „Es ist nicht gelungen, in all den Jahren den Kalten Krieg wirklich zu beenden“, sagt sie. „Es ist nicht gelungen, eine Sicherheits-Architektur zu schaffen, die dieses hätte verhindern können.“ Was „dieses“ ist, benennt sie klar: „Der Überfall auf die Ukraine findet keinerlei Rechtfertigung.“ Ein „das Völkerrecht missachtender Überfall, für den es keine Entschuldigung gibt“.
Merkel sagt kaum etwas zur Energiepolitik, zur fatalen Abhängigkeit von Putins Gas. „Bestimmte Handelsbeziehungen sind sinnvoll, weil man sich nicht vollständig ignorieren kann“, erklärt sie selbstbewusst. Und: „Ich war nicht blauäugig.“ Immer schon habe sie gewusst und gewarnt: „Putins Hass, Putins Feindschaft, geht gegen das demokratische, westliche Modell.“ Gleichwohl rät sie indirekt, den russischen Präsidenten nicht als Wahnsinnigen abzustempeln. „Es lohnt sich, genau hinzuhören.“ Sein Handeln folge einer exakten Linie, auch wenn es eine Linie der Grenzüberschreitungen ist.
Auffällig an diesem Abend: Die Ex-CDU-Chefin Merkel sagt kein böses Wort über ihren Nachfolger Olaf Scholz (SPD). Im Gegenteil: Sie lässt durchblicken, ab und zu um Rat gefragt zu werden. Und sagt, sie wisse etliche Leute, die sie anrufen könne, wenn etwas grob schief laufe. Bisher sei das aber nicht nötig. Sie habe „volles Vertrauen“.